Nymphomaniac

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Der Begriff „enfant terrible“ ist zwar sehr abgegriffen und inzwischen kaum mehr verwendbar, in einer Diskussion über Lars von Trier aber nicht zu umgehen. Seit Jahrzehnten produziert der dänische Regisseur hochwertige Filmkost und ist von der internationalen Bühne nicht wegzudenken. Was ihn zwischen anderen Filmemachern herausstellt ist allerdings weder sein Gespür für Bilder und Szenen, noch seine Fähigkeit, ungeahnte Leistungen aus seinen Akteuren zu kitzeln. Lars von Trier ist eine der letzten Figuren der Branche, die mit ihren Filmen nicht nur ein saftiges Honorar sucht, sondern auch die stete Konfrontation mit Publikum, Sittenwächtern und Kollegen. Sein aktuelles Werk „Nymphomaniac“ bildet natürlich keine Ausnahme. In seinem 4-stündigen Opus (im „Director’s Cut“ sogar 5,5 Stunden lang) beleuchtet er das Leben und Leiden der Nymphomanin Joe. Zur Heimkino-Veröffentlichung haben wir den pseudo-schmuddeligen Zweiteiler Revue passieren lassen.

Die Trilogie der Depression

Es ist kein Geheimnis, dass Lars von Trier seit Jahren an Depressionen leidet. Selbst wenn der Filmemacher nicht offen damit umgehen würde, könnte man es seinen Werken mehr als deutlich entnehmen. Begonnen hat die so genannte „Trilogie der Depression“ im Jahre 2009 mit „Antichrist“, laut eigener Aussage eine Bemühung, sich im Horrorfach zu etablieren. Von gewöhnlicher Genre-Kost ist der Film, den von Trier fest im lähmenden Griff seiner Krankheit drehte, natürlich meilenweit entfernt. Stattdessen bot er einen düsteren, beängstigenden Schocker an, der weltweit sowohl auf Lob als auch auf Abscheu stieß. Völlig fehl am Platz waren die oft vernommenen Kritiken von Zuschauern und Presse, dass es sich bei „Antichrist“ um einen misogynen Film handele. Vielmehr präsentierte Lars von Trier ein fundamental misanthropisches Meisterstück, das das gegenseitige Zerfleischen (körperlich wie emotional) eines Ehepaars in selten gesehener Intensität einfing.

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© Christian Geisnaes

Zwei Jahre später machte der depressive Däne sich daran, die neue Volkskrankheit zu visualisieren. Mit dem überraschenden und sehr klugen Casting der stets unterschätzten Kirsten Dunst fand von Trier eine eindrucksvolle Gallionsfigur für seine Reise an den Abgrund. Das überaus intime Porträt der mentalen Degeneration brachte der amerikanischen Schauspielerin bei den Filmfestspielen in Cannes eine Auszeichnung als beste Schauspielerin ein. Gleichzeitig erreichte der Clinch mit der internationalen Filmpolitik, in dem von Trier sich seit Jahren befand, einen neuen Höhepunkt. Während der Pressekonferenz zum Film brauchte es nur einen etwas unpassenden Nazi-Spruch, der von klar denkenden Personen deutlich als Witz identifiziert werden kann, um den skandinavischen Skandal-Magneten vom Festival zu verbannen.

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© Christian Geisnaes

Nymphomaniac – Yin und Yang der Sexualität

Was ist der nächste Schritt, nachdem man den Planeten in ein schwarzes Loch aus geistiger Krankheit stößt? Um seine thematische Trilogie abzurunden, suchte Lars von Trier nach dem gemeinsamen Nenner, der uns alle vereint. Gemeint ist damit natürlich die Sexualität, die heutzutage sowohl innerhalb als auch außerhalb sämtlicher Köpfe omnipräsent ist. Mit „Nymphomaniac – Volume I“ sehen wir allerdings nicht den destruktiven, schwarzmalerischen Rundumschlag, den man erwartet hätte.

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© Christian Geisnaes

Die Geschichte der unersättlichen Joe, die zunächst das frühe sexuelle Erwachen und den jugendlichen Drang zum Experimentieren zeigt, steht im krassen Gegenteil zu den tragischen Motiven von „Antichrist“ und „Melancholia“. Mit fast leichtfüßiger und humorvoller Energie dirigiert von Trier die französische Neuentdeckung Stacy Martin durch die frühen, frivolen Lebensabschnitte der Nymphomanin. Eingerahmt wird die Autobiographie von einer erwachsenen Joe, die nach einem gewalttätigen Überfall von einem asexuellen Samariter aufgelesen wird und ihn über ihre Vergangenheit aufklärt.

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© Christian Geisnaes

Im zweiten Teil übernimmt Charlotte Gainsbourg die Rolle der Joe schließlich komplett und offenbart die Schattenseiten eines Lebens auf der zwanghaften Suche nach sexueller Befriedigung. In „Nymphomaniac – Volume II“ sind die vergnüglichen Eskapaden der gequälten Frau passé und werden durch die horrenden Preise, die sowohl von der Protagonistin als auch von ihren Partnern und Nahestehenden gezahlt werden müssen, ersetzt. Hier begibt von Trier sich erneut in die filmische Welt aus Schmerz und Verzweiflung, zu deren Königen er zweifelsohne zählt.

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© Christian Geisnaes

Zwischen Arthouse und Pornographie

Einen kleinen Streich konnte der auf Krawall gebürstete Däne sich auch hier nicht verkneifen. In der unsubtilen Werbekampagne zum Film wurden die Poster von riskanten Porträts der Darsteller geziert (siehe unten). Hinzu kam von Triers Versprechen, seinen Film mit „echtem Hardcore“ zu würzen. All das ist natürlich wenig mehr als ein Lockmittel, um Neugier und Aufruhr in den Köpfen von Kritik und Publikum zu säen.

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© Christian Geisnaes

Der eigentliche Kern von „Nymphomaniac“ ist nicht die bloße Verkettung von schmuddeligen Szenen, sondern eine umfassende Darstellung der menschlichen Sexualität mit allen ihren Konsequenzen, positiv wie negativ. Als Gewürz fungieren dabei nicht die Genitalien, die in moderater Frequenz über den Bildschirm huschen, sondern die zerschmetternde Kritik, die Lars von Trier an einer Gesellschaft übt, die bis in die letzte Pore mit sexuellen Motiven übersättigt ist und für die die erwähnten Konsequenzen nichtig geworden sind.

Der endgültige Verlust der Unschuld

Von Trier lässt die Biographie seiner Hauptfigur in eine Schlüsselszene münden, die den Zweck von „Nymphomaniac“ mehr als deutlich macht. Nach dem Urteil über Liebesbeziehungen in „Antichrist“ und dem Urteil über Depressionen in „Melancholia“ folgt mit dem letzten Teil der Trilogie das Urteil über Sexualität, oder besser gesagt über das, was die moderne Gesellschaft aus ihrem grundlegendsten Trieb gemacht hat. Nicht länger ist es das körperliche und seelische Vergnügen, das Menschen untereinander teilen.

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© Christian Geisnaes

Durch die konstante und fortschreitende Sexualisierung der Massenmedien ist es zu kaum mehr als einem weiteren Teil im Arsenal der Marketing-Sklaven verkümmert. Was von Trier an den Pranger stellt ist die Konsequenz dieser katastrophalen Entwicklung, namentlich eine totale Übersättigung, in der sämtliche Bedeutung allmählich verloren geht. In diesem Licht ist „Nymphomaniac“ womöglich der verheerendste Film der Depressions-Trilogie. Auf jeden Fall ist er neben Steve McQueens „Shame“ einer der wenigen Filme, die sich auf einer psychologischen Ebene kritisch mit dem Thema der Sexualität auseinandersetzen und ganz nebenbei absolut großartig sind. Um die Notwendigkeit dieser Auseinandersetzung zu verdeutlichen, genügt ein Blick in den nächstgelegenen Werbeblock oder H&M-Prospekt.

10/10

Seit dem 20. November ist „Nymphomaniac“ in Deutschland auf Blu-Ray und DVD erhältlich. Neben der regulären Kinoversion wurde gleichzeitig ein Director’s Cut veröffentlicht, der Joes Geschichte um etliche Charaktermomente und auch „expliziteren“ Inhalt erweitert. Kaufen kann man „Nymphomaniac“ zum Beispiel bei Amazon:

Kinoversion (DVD) / Kinoversion (Blu-Ray)

Director’s Cut (DVD) / Director’s Cut (Blu-Ray)


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Nymphomaniac

Drama

Regie: Lars von Trier

Buch: Lars von Trier

Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Stellan Skarsgard, Christian Slater, Willem Dafoe, Uma Thurman, Jamie Bell

Kinostart DE: Vol. I – 20.02.2014, Vol. II – 03.04.2014

Kinostart US: Vol. I – 21.03.2014, Vol. II – 04.04.2014

Heimkinostart DE: 20.11.2014

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Timo Löhndorf