Learning to Drive

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Gerade noch hat sie mit „Nobody Wants the Night“ die Berlinale eröffnet, jetzt überfallt die spanische Regisseurin Isabel Coixet mit „Learning to Drive“ die deutsche Kinolandschaft. In der Theorie ein leichtfüßiges, sympathisches Komödiendrama. In der Praxis könnte Coixets neuer Film jedoch durch einige Fehltritte insbesondere beim maskulinen Publikum in Ungnade fallen.

Ein normaler Dienstag im Schmelztiegel

Darwan (Ben Kingsley) hat seinen Platz in der Welt gefunden. Tagsüber lehrt er als Fahrlehrer das Navigieren des allgegenwärtigen New Yorker Staus, des Nachts befördert er als Taxifahrer seine Kunden von A nach B. Auch privat verbringt er seine Zeit damit, anderen Menschen zu helfen. Dazu gehören neben der scheinbar unendlichen Ruhe, die Darwan ausstrahlt, natürlich auch regelmäßige Ratschläge und Lebensweisheiten, die der Sikh so herzlich wie lakonisch austeilt. Eine neue Bekanntschaft platzt in sein Leben, als er während einer Taxischicht das frisch getrennte Ehepaar Wendy (Patricia Clarkson) und Ted (Jake Weber) einsammelt und in getrennten Gemächern abliefert. In Darwan findet Wendy, die ihrerseits vor einer kompletten Neuorientierung steht, nicht nur Trost und Zuversicht, sondern auch Freundschaft. Und nicht zuletzt auch einen Mentor, der ihr zum längst überfälligen Führerschein verhelfen kann.

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Wendy (Patricia Clarkson) hat die Augen nicht auf der Straße!

Die Metaphorik hinter Coixets „Learning to Drive“ ist nicht besonders ausgeklügelt. Wir haben mit Wendy eine Frau mittleren Alters, die von ihrem entfremdeten Ehemann in eine Krise geworfen wird. Neben der Grübelei und der Depression steht Wendy auch vor praktischen Herausforderungen, denn ohne Ted als Chauffeur gelingt es ihr plötzlich nicht, eigenständig zwischen zwei Orten zu verkehren. Und so muss die patente(?) Mittfünfzigerin einige Lektionen lernen, sowohl auf dem Asphalt als auch im Alltag. Narrative Eleganz oder Ehrgeiz kann man „Learning to Drive“ nicht bescheinigen. Dafür sind seine buchstäbliche und übertragene Ebene viel zu witzlos miteinander verwoben. Regelmäßige Rezipienten der gehobenen Filmkunst dürften sich sogar gelangweilt fühlen, wenn man das komplette Gedankengut des Films in den drei Wörtern des Titels serviert bekommt.

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Darwan (Ben Kingsley) trägt einen Turban und unterhält sich mit Frauen

Auf der anderen Seite haben wir hier einen typischen, seichten Sommerfilm, der in erster Linie keinen geistigen Zündstoff sondern gute Laune verbreiten möchte. Die Grundzutaten für dieses Unterfangen sind vorhanden. Mit der turbulenten Multi-Kulti-Metropole New York im Hintergrund, seinen sympathischen Charakteren und den kauzigen Einlagen Ben Kingsleys inspiriert „Learning to Drive“ sogar einige Schmunzler und ist größtenteils genießbar. Sobald der Kopf beim Sehvergnügen einsteigt, tun sich allerdings einige Abgründe auf, die eher aufregen als verzücken. In der selben Art und Weise wie die Darstellung der Weiblichkeit im maskulin dominierten Hollywood oft (und zurecht) kritisiert wird, geht Isabel Coixet hier auf das vermeintlich starke Geschlecht los. Im Laufe des Films wird Wendy einschließlich ihres Verflossenen mit drei Männern interagieren. Keiner davon verhält sich gegenüber Frauen  akzeptabel, ihre emotionale Unfähigkeit ist allgegenwärtig und reicht sogar bis in die intimen Begegnungen. Das große Paradox des Films ist, dass die Geschlechterproblematik nicht einseitig bleibt. Auch die Frauen, allen voran Wendy und ihre Tochter Tasha (Grace Gummer) werden auf eine Art und Weise dargestellt, die einem emanzipierten Frauenbild fern ist. Dazu gehört unter Anderem das erbärmliche Anflehen des Exes, sich die Trennung noch einmal zu überlegen. Zu allem Überfluss kann „Learning to Drive“ den Bechdel-Test nur mit Mühe passieren und definiert überdies seine Frauencharaktere in erster Linie über die Männercharaktere.

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Von manchen New Yorker Bänken kann man Wasser sehen

„Learning to Drive“ ist ein herzlicher, gutmütiger Film, der irgendwo falsch abgebogen ist. Statt einer friedlichen und vernünftigen Resolution des Midlife-Beziehungsdramas bombardiert Isabel Coixet ihr Publikum mit Klischees, eindimensionalen Charakteren und sehr zweifelhaften Einstellungen gegenüber beiden Parteien des Geschlechterkonflikts. Ben Kingsleys unterhaltsame Darstellung des indischen Kauzes Darwan lässt den Film zumindest oberflächlich genießbar bleiben. Über den Unterbau von „Learning to Drive“ sollte man sich allerdings keine weiterführenden Gedanken machen.

 

4/10


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Learning to Drive

Komödie, Drama

Regie: Isabel Coixet

Buch: Sarah Kernochan

Darsteller: Ben Kingsley, Patricia Clarkson, Grace Gummer, Jake Weber, Sarita Choudhury, John Hodgman

Kinostart DE: 06.08.2015

Kinostart US: 21.08.2015

Heimkinostart DE: –

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Timo Löhndorf