Bier, Brezn, Bilder – Die Highlights des 33. Münchner Filmfestivals

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Nach den frostigen Winden Berlins und dem heimischen Festivalhafen Hamburg wird Neuland betreten! Erstmals geht es in diesem Jahr auf den Weg Richtung Freistaat Bayern, wo die kinematischen Früchte des 33. jährlichen Filmfestivals in München geerntet werden. Ich habe das Programm für 2015 unter die Lupe genommen und 10 Filme ausgesucht, auf die ich mich besonders freue!Zwischen dem ungeheuren Festivalmonster Berlinale und dem noch jungen Hamburger Gegenstück platziert sich das Münchner Filmfest, das im Jahr 2015 seine 33. Auflage erfährt. Die Mission der drei Geschwister ist die selbe. Das Weltkino in allen Formen und Farben nach Deutschland holen und zelebrieren. Konkret bedeutet dass die Aufführung von aktuellen Filmen, Perlen vergangener Tage, speziellen Themenreihen, Retrospektiven und einem Rahmenprogramm für Filmschaffende und Interessierte, zu dessen Veranstaltungen in der Regel Gäste der Branche erwartet werden.

Zwischen dem Startschuss am 25. Juni und dem letzten Vorhang am 04. Juli gibt es für den geneigten Cineasten in der bayerischen Hauptstadt eine Menge zu entdecken. Dazu gehören neben einer Auswahl aktueller Filme aus aller Welt auch Huldigungen an Personen wie Alexander Payne („Sideways“, „The Descendants“) oder Jean-Jacques Annaud („Der Name der Rose“, „Sieben Jahre in Tibet“), in deren Rahmen ausgewählte Filme der jeweiligen Œuvres gezeigt werden.

Was folgt ist meine persönliche Zusammenstellung der 10 Filme des diesjährigen Programms, auf die ich mich besonders freue. Die Liste besteht ausschließlich aus neu produzierten Filmen, die bereits im Festivalzirkus des Jahres aufgetaucht sind oder in München ihre Premiere feiern.

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10. Hungry Hearts

Italien – Regie: Saverio Costanzo

New York gehört vermutlich zu den anstrengendsten Pflastern des Planeten. Die Millionenmetropole, die außerdem einer der (pop)kulturellen und wirtschaftlichen Hotspots der westlichen Welt ist, bietet sicherlich nicht den besten Nährboden für das junge Glück einer Familie. Und doch stellt sich ein junges Paar (Alba Rohrwacher, Adam Driver) der Herausforderung. Das Problem ist nur, dass die Eltern fundamental unterschiedliche Vorstellungen haben, wenn es um angemessene Erziehung geht.

Mit Wörtern wie „intensiv“ und „Psycho-Horror“ präsentiert das Festival „Hungry Hearts“. Mit anderen Worten darf man ein dramatisches Kammerspiel inmitten des immerwährenden New Yorker Trubels erwarten. Hört sich gut an!

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9. Anime Nere

Italien – Regie: Francesco Munzi

Der erste italienische Film der Liste besinnt sich auf eine uralte und bewährte Tugend des Italieners: Das organisierte Verbrechen. Nach einer Karriere im Vertrieb von Betäubungsmitteln zieht Luciano sich mit Frau und Kind in die Natur zurück. Dort ist für fast alle seiner Belange gesorgt und schon bald macht sich quälende Langeweile breit. Und wo Langeweile herrscht, sind blöde Ideen bekanntermaßen nicht weit weg..

Mit einem verheißungsvollen Titel („Schwarze Seelen“) und einem entsättigten Farbschema bemüht sich „Anime Nere“ um die Aufmerksamkeit der Festivalbesucher. Meine Aufmerksamkeit hat der italienische „Familien“film sicher.

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8. Die Maßnahme

Deutschland – Regie: Alexander Costea

Ein verschwundenes Mädchen, ein verdächtiger Alki und ein geheimer Ermittler. Die Grundbausteine von „Die Maßnahme“ bestechen nicht durch Originalität. Trotzdem bietet einer der deutschen Beiträge des Festivals großes Potential. Ähnlich wie „Hungry Hearts“ handelt es sich hier um ein Kammerspiel, der Kontext ist jedoch das genaue Gegenteil.

Es ist unwahrscheinlich, dass das deutsche Kino nach „Victoria“ eine ähnliche große Überraschung oder derart starke Leistung hinterherschicken kann. Natürlich lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.

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7. The Dark Horse

Neuseeland – Regie: James Napier Robertson

Seine bipolare Störung könnte der Schachmeister Genesis Potini mit seinem unwiderstehlichen Namen locker wettmachen. Zur Sicherheit entschied er sich allerdings für eine psychiatrische Behandlung. Im Anschluss daran machte Potini es sich zur Aufgabe, eine lokale Gruppe benachteiligter Jugendlicher im Schach zu trainieren und auf die kommenden Neuseeländer Meisterschaften vorzubereiten.

„The Dark Horse“, der das gern genutzte Prädikat „nach wahrer Begebenheit“ trägt, wirkt auf den ersten Blick wie ein herkömmliches Feel-Good-Movie, in dem sich die sympathischen Charakterköpfe des sozialen Exils zusammentun und den Tag retten. Vielleicht ist er das auch, aber die Darstellung einer mentalen Krankheit durch den tollen Cliff Curtis lasse ich mir nicht entgehen.

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6. Dope

USA – Regie: Rick Famuyiwa

Vor wenigen Tagen startete die amerikanische Coming-of-Age-Dramedy auf der anderen Seite des Teiches und langsam aber sicher baut sich „Buzz“ auf, wie der Neudeutsche sagen würde. „Dope“ dreht sich um den ganz normalen Alltag eines nerdigen Teenagers in Kalifornien, der verzweifelt seinen Platz in der lokalen Hackordnung sucht.

Es scheint sich hierbei um eine frische Interpretation der gängigen Coming-of-Age-Thematik zu handeln, komplett mit 90er-Nostalgie und einem bunten Bouquet aus Hautfarben und ethnischen Hintergründen. Neben Tony Revolori („Grand Budapest Hotel“) sieht man hier auch Keith Stanfield wieder, der in „Short Term 12“ eines der besten Schauspieldebüts der letzten Jahre ablieferte.

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5. Louder than Bombs

Dänemark, Frankreich, Norwegen – Regie: Joachim Trier

Für Joachim Trier ist seine dritte Regiearbeit „Louder than Bombs“ eine überaus Wichtige. Nachdem „Oslo, 31. August“ vor vier Jahren wie eine Bombe einschlug materialisierte ein neuer dänischer Filmemacher auf der Weltbühne, der zwar die Schwermut seines Namensvetters, nicht jedoch dessen Hang zur Selbstüberschätzung teilte. In „Louder than Bombs“ widmet Trier sich erneut der blassen Seite des Lebens, indem er einen frisch verwitweten Vater und dessen Söhne in einen filmischen Raum stellt. Bei der Besetzung (Jesse Eisenberg, Gabriel Byrne, Isabelle Huppert) kann nichts schiefgehen, vorausgesetzt Trier hat seine feinen Antennen für die köstlich-düstere Sentimentalität des Lebens behalten.

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4. Il Racconto dei Racconti

Frankreich, Italien, UK – Regie: Matteo Garrone

Das Märchen der Märchen ist eine Aneinanderreihung von drei fantasievollen Geschichten, inszeniert von Märchenonkel Matteo Garrone. In bestem italienischen Stil (siehe Nr. 2) verwebt er drei von insgesamt fünfzig Stories des Pentamerons zusammen, einem Sammelwerk des Neapolitaners Giambattista Basile. Für die pompöse Filmadaption des fast 400 Jahre alten Textes gewann Garrone namhafte Akteure wie Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilly, Shirley Henderson oder Stacy Martin.

Fantasie, Romanze, Blut und Verderben bilden die Grundlage der Geschichten, die uns Menschen seit Tausenden Jahren faszinieren. Eine neue Interpretation dieser archetypischen Geschichten ist stets gewünscht und willkommen.

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3. The Man in the Wall

Israel – Regie: Evgeny Ruman

One night. One apartment. One missing person. Allerdings schon der dritte Eintrag meiner Liste, bei dem es sich um ein minimalistisches Kammerspiel handelt. Nach den Kollegen aus Italien und Deutschland ist hier der israelische Realisator Evgeny Ruman am Werk, dessen Lebenslauf bislang nur einen Langfilm vorzuweisen hat. Thema des Debüts: Entfremdetes Vater-Sohn-Gespann findet wieder zueinander, während es einer Vogelfamilie von Russland nach Afrika folgt.

In seinem zweiten Stück dreht Ruman einige Regler auf 11 und hat einen Film abgeliefert, der vom Filmfest München als Thriller-Horror-Hybrid mit einem überraschenden Endtwist beworben wird. Ich hoffe mal, dass der Twist über die Tatsache hinausgeht, dass die vermisste Person sich in einer Wand befindet.

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2. Pasolini

Belgien, Frankreich, Italien – Regie: Abel Ferrara

Endlich ist er hier. Nach der Premiere in Venedig und einer auffälligen Abwesenheit in Hamburg und Berlin ist es nun Zeit für den neuen Ferrara. Der New Yorker hat mit „Welcome to New York“ zuletzt zwar einen eher bitteren Nachgeschmack hinterlassen, an „Pasolini“ führt trotzdem kein Weg vorbei. Grund dafür ist die Tatsache, dass Abel Ferrara hier den letzten Tag eines Künstlers schildert, der ohne Zweifel zu den faszinierendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts gehört.

Vielen ist Pier Paolo Pasolini durch seinen letzten Film „Salò“ bekannt, der auch 40 Jahre nach seiner Entstehung locker mit den kontemporären „Skandal“filmchen mithalten kann. Freunde des Kinos und der Kunstgeschichte kennen Signore Pasolini jedoch als Poeten, Schriftsteller, Fotografen, homosexuellen Marxisten und treibende Kraft hinter vielen erstklassigen Filmen, darunter die Trilogie des Lebens, in der er Geschichten aus literarischen Werken des Mittelalters verfilmte.

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1. Arabian Nights

Deutschland, Frankreich, Portugal, Schweiz – Regie: Miguel Gomes

Ausgerechnet bei Nummer 1 musste ich etwas schummeln. Bei „Arabian Nights“ handelt es sich nicht bloß um einen Film. Es ist ein Triptychon aus drei Stücken à 2 Stunden.“The Restless One“, „The Desolate One“ und „The Enchanted One“ formen eine episodische Neuerzählung der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, erzählt von der betörenden Scheherazade um ihre Exekution hinauszuzögern. Interpretiert vom Portugiesen Miguel Gomes spiegeln die drei Filme vor allem die in Portugal herrschenden ökonomischen Probleme der Gegenwart wider. Und das durch die Linse einer uralten, orientalischen Sage.

Perlen wie diese bilden die Ecksteine eines gut kuratierten Programms. Sperrige Werke wie „From What is Before“ von Lav Diaz, der hypnotische „The Tribe“ von Miroslav Slaboshpitsky oder ein Dreigestirn wie dieses sind in meinen Augen die wirklichen Attraktionen, die den Besuch eines Filmfestivals rechtfertigen und für Cineasten essentiell machen.

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Timo Löhndorf