Men & Chicken (Mænd & høns)

MenAndChicken_Cover

10 Jahre hat Anders Thomas Jensen in der Schreibwerkstatt verbracht, nachdem er mit „Adams Äpfel“ eine der populärsten skandinavischen Komödien der letzten Jahrzehnte ablieferte. Jetzt nimmt der Däne endlich wieder hinter der Kamera Platz und lässt die Art von bizarrer Komödie auf die Welt los, die man von ihm erwarten darf. Von inszenatorischem oder humoristischem Rost ist dabei keine Spur.

Was den Export von reizvollem männlichen Kamerafutter angeht, ist Dänemark exzellent aufgestellt. Da wäre zum Einen Mads Mikkelsen, der mit seinem nordeuropäischen Charme seit Jahren Hollywood infiltriert und mit Hannibal Lecter sogar eine ikonische Rolle erben durfte. Sein Kollege Nikolaj Lie Kaas, dessen Sexappeal höchstens von der Größe seiner Lippen übertroffen wird, ist stets vor Ort, wenn es im internationalen Kino eine „europäische“ Figur („Child 44“) oder die Hauptrolle einer faden Adler-Olsen-Verfilmung („Erbarmen“) zu besetzen gibt. Es beweist also einen außerordentlich breiten Sinn für Humor, dass die beiden Dänen sich für „Men & Chicken“ den wohl groteskesten und abstoßendsten Charakteren ihrer Karriere widmen.

MenAndChicken_2

Dagegen ist ein blutendes Auge schlicht sexy

Nach dem Tod ihres Vaters erfahren Gabriel (David Dencik) und Elias (Mikkelsen), dass sie eigentlich von einem Wissenschaftler namens Evelio Thanatos gezeugt wurden, und dass ihre beiden Mütter blöderweise bei der Geburt ums Leben gekommen sind. Die Suche nach ihrem biologischen Vater führt die Brüder, die neben prominenten Hasenscharten keine Merkmale teilen, auf die malerische Insel Ork. Dort treffen sie neben einem Zuchtbullen und einer Armee aus Hühnern auch auf Franz (Søren Malling), Josef (Nicolas Bro) und Gregor (Nikolaj Lie Kaas). Drei Männer, die nicht nur das verquere Verhalten von Gabriel und Elias, sondern auch die hypnotischen Hasenscharten teilen.

MenAndChicken_1

Freizeitgestaltung auf Ork

In einer Welt, die von einer Welle aus political correctness und moralischer Verirrung überschwemmt wird, sind die Dänen eine der letzten Bastionen für die Art von schwarzem Humor, der im Abgang so unverwechselbar bittersüß schmeckt. Nach einer Dekade der Schaffenspause nimmt Anders Thomas Jensen das Steuer in die Hand und stellt diese Tatsache unter Beweis. Er und sein Filmteam kapern ein verlassenes Herrenhaus in der dänischen Pampa und dekorieren jede Ecke mit ihrer bizarren, stellenweise gar bedenklichen Vision. Im Kern dieses wahnsinnigen Strudels steht das Quintett aus Männern, in deren Erzeugung augenscheinlich mehr als nur die Hand Gottes eingriff. Für die nötige Gesellschaft in der desolaten Irrenanstalt dienen Hundertschaften von gefiederten Mitbewohnern, die neben einem guten Gespräch auch körperliche Dienste ableisten müssen.

MenAndChicken_3

Doch. Genau das.

Die weltweite Popularität, die dänischen Komödien wie dieser zuteil wird, kommt nicht von ungefähr. Nicht nur gehen sie mit der Karikatur der Gesellschaft äußerst clever um, sie vermischen mehrere, zum Teil gegensätzliche Filmgenres miteinander, ohne den Blick für ihre Aussage zu verlieren. So gelingt es Jensen auch in „Men & Chicken“ wieder, der neben grotesker Komödie auch ins Kostüm eines Science-Fiction-Films schlüpft und nebenbei sogar ungeheure Horrornoten anstimmt. Pointiert wird das Ganze von einem Ende, das zunächst etwas herkömmlich wirkt, bei näherer Betrachtung jedoch das perfekte Sinnbild für Jensens Stil ist. Im Kern eine versöhnliche, warmherzige Geschichte, die von einem dicken Mantel aus abseitigem Humor und wundervoll schrägen Darbietungen seiner Schauspieler bereichert wird.

8,5/10


Mænd & høns (2015)

Men & Chicken

Komödie, Drama, Sci-Fi, Horror, etc. pp.

Regie: Anders Thomas Jensen

Buch: Anders Thomas Jensen

Darsteller: Mads Mikkelsen, David Dencik, Nikolaj Lie Kaas, Nicolas Bro, Søren Malling

Kinostart DE: 02.07.2015

Kinostart US: –

Heimkinostart DE: –

Die Rechte an allen verwendeten Grafiken in diesem Artikel liegen bei DCM Film Distribution

Hinterlasse einen Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>


*

Timo Löhndorf