Arabian Nights (The Restless One / The Desolate One / The Enchanted One)

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Nachdem das Triptychon bereits in Cannes für Wirbel gesorgt hat und beinahe drei Plätze im Hauptwettbewerb belegt hätte, hat eines der großen Kino-Events des Jahres in München Platz gefunden. „The Restless One“, „The Desolate One“ und „The Enchanted One“ formen die „Arabian Nights“-Trilogie, das Opus des portugiesischen Filmemachers Miguel Gomes. Und darin verarbeitet er eine ganze Reihe von Steinen, die ihm auf dem Herzen liegen.

Nummer 33, Nummer 34, Nummer 35. Im Rückspiegel scheint es nicht mehr besonders klug, sich das Mammut-Projekt am letzten Tag des Festivals anzusehen. Mit Resten vom vorabendlichen Biergarten-Besuch im Blut und milder Übersättigung im Kopf habe ich mich dem insgesamt sechs Stunden langen Dreiteiler dann doch gestellt. Ich hätte auch nicht mit mir leben können, wenn ich diese einzigartige Veranstaltung verpasst hätte. Wie die Einleitung vor „The Desolate One“ verrät, war dies das erste Mal weltweit, dass alle drei Filme am Stück abgespielt wurden. Ein Experiment, dessen Erfolg sich selbst der Regisseur nicht sicher ist. Laut Gomes ist es besser, die sehr verschiedenen Kapitel seiner Trilogie getrennt zu erleben. Das hat die überraschend große Menge an Zuschauern, die sich am hochsommerlichen Tag im Kino einfanden, natürlich nicht beeindruckt.

Wie es sich für einen Filmemacher gehört, der seinem Publikum sechs Stunden Zeit abknöpft, taucht Gomes zu Beginn von „The Restless One“ kurz auf und hält ein Plädoyer für sein großspuriges Projekt. Der zerworfene Künstler steht zwischen zwei Fronten, die ihm unvereinbar scheinen. Ein hoffnungsvolles, leichtes und unterhaltsames Stück soll sein nächster Film werden. Gleichzeitig graust es ihm davor, die Notsituation, in der sein Land sich zwischen 2013 und 2014 befand, unbehandelt zu lassen. Die Lösung des Dilemmas kommt in Form der Dreiteilung von „Arabian Nights“. Die drei Filme nehmen verschiedene Identitäten an, in denen nicht nur Unmut über die sozialen Missstände, sondern auch politische Kommentare, humoristische Episoden, dokumentarische Einlagen und die leichtfüßigen Spinnereien Platz finden, die sich der Regisseur gewünscht hat. Eingerahmt wird die bunte Tüte von der wohlbekannten Scheherazade, die ihrem blutrünstigen Ehemann und König 1001 Geschichten erzählte, um ihre Hinrichtung hinauszuzögern. Doch wie eine Einblendung zu Beginn aller drei Filme erklärt, handelt es sich bei den einzelnen Episoden nicht um direkte Adaptionen der orientalischen Vorlage.

The Restless One

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Massenbaden bei starkem Wellengang

Die Situation ist arg im Lande Portugal. Gomes verliert keine Zeit und transportiert seine Zuschauer direkt in eine portugiesische Hafenstadt, die die Schließung ihrer Werft betrauert. Über den Bildern der Tragödie liegen Stimmen der unzähligen Arbeiter, die nun vor dem Nichts stehen. So nimmt „The Restless One“ die Form einer direkten und ungeschönten Kritik an, die sich in erster Linie an die verantwortlichen Politiker richtet. Mit Kapiteln über impotente Bänker, jugendliche Brandstifter und einer deprimierenden Episode über die Ungewissheit der Zukunft verschafft Gomes zunächst seinem Frust und dem seiner Landsleute ein Ventil, bevor er sich zu etwas helleren Ufern aufmacht.

The Desolate One

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Dixie und sein Schatten

„The Desolate One“ geht trotz seines gegensätzlichen Titels einen Schritt ins Licht. Angefangen mit einem alten Kriminellen, der sich vor den Augen des Staates versteckt, werden die Variationen des zweiten Films abstrakter. Eine Gesellschaft, deren Symptome der Armut sich in ihrer Verehrung des flüchtigen Kriminellen manifestieren. Die unmoralische Richterin. Und der bedingungslos freundliche Hund Dixie, der auf seinem Weg durch einen Wohnblock mehrere Besitzer kennenlernt. Hier entfernt Gomes sich ein Stück von dem unmittelbaren Leiden der Einzelpersonen und untersucht, wie sich eine wirtschaftliche Krise in das kollektive Bewusstsein der Bevölkerung frisst und dort ihre düsteren Wurzeln schlägt.

The Enchanted One

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Ein längst überfälliges Lächeln

Nach dem sehr kurzweiligen „The Desolate One“ macht sich die Methodik des Regisseurs zwar bemerkbar, trotzdem oder genau deswegen erfüllt den Zuschauer eine Neugier, was in „The Enchanted One“ wohl auf ihn warten mag. Zum ersten Mal seit einer kurzen Bemerkung im ersten Teil betritt Scheherazade die Leinwand. Im Tageslicht, fern von ihrem Ehemann und dessen Zorn, macht sie sich auf den Weg, ihr Königreich zu erkunden. Der erste Teil von „The Enchanted One“ erweist sich als Geniestreich und als bestes, interessantestes Kapitel der sechs Stunden. Dies ist zum Einen der verspielten Kreativität geschuldet, mit der Gomes seine mythische, traditionell gekleidete Protagonistin in der Gegenwart inszeniert und dabei mit einigen Anachronismen jongliert. Zum Anderen geht Gomes hier noch eine Ebene weiter und beschäftigt sich mit dem Erzählen an sich. Warum erzählen Menschen sich Geschichten? Warum macht Scheherazade es? Die junge Frau redet mit ihrem Vater über die Motivation und die Bürde des Erzählers. Eine geniale Episode, in der Scheherazade auf einem Kliff über der Küste außerdem eine verzaubernde Gesangseinlage zum Besten gibt.

Von der unplausiblen aber fantastischen Welt zieht Gomes einen größtmöglichen Bogen. Er rundet sein sechsstündiges Opus mit einer dokumentarischen Abhandlung ab. Es geht um eine Gruppe Männer, die wilde Vögel fangen und versuchen, ihren Gesang zu trainieren. Nach all den bunten Farben und Tönen der bisherigen Episoden beschränkt Gomes sich im letzten Kapitel auf eine sehr versöhnliche und entspannte Narrative, um die Vogelfänger auf ihrem Weg zum lokalen Turnier zu begleiten. Zwar hätte man sich gewünscht, noch ein wenig länger in Scheherazades Paradies zu verbringen, trotzdem ist das letzte Kapitel von „The Enchanted One“ ein geradezu perfektes Ende, für dieses aufwühlende Werk. Wir sehen Arbeiter, vom selben Schlag wie jene, die den schwermütigen Anfang des Films eingeläutet haben. Diesmal jedoch erleben wir sie zufrieden, begeistert und vollkommen in ihrer Leidenschaft aufgehend.

Unruhig. Desolat. Verzaubernd. Mit „Arabian Nights“ hat Miguel Gomes eines der ambitioniertesten Filmprojekte der letzten Jahre auf die Beine gestellt. In einem Kaleidoskop aus Geschichten zwischen damals und heute, zwischen Traum und Realität, zwischen Wut und Frieden, zwischen Tragik und Humor umreißt er die geistige Verfassung einer ganzen Nation und schafft ein einzigartiges, beeindruckendes Werk, das viel fordert und umso mehr zurückgibt.

10/10


As Mil e Uma Noites (2015)

Volume 1 – O Inquieto

Volume 2 – O Desolado

Volume 3 – O Encantado

Arabian Nights (2015)

Volume 1 – The Restless One

Volume 2 – The Desolate One

Volume 3 – The Enchanted One

Literaturadaption, Sehr bunte Tüte aus Politik, Fantasie und Erzählkunst

Regie: Miguel Gomes

Buch: Miguel Gomes, Telmo Churro, Mariana Ricardo

Darsteller: Crista Alfaiate, Adriano Luz, Américo Silva, Rogério Samora, Carloto Cotta, Fernanda Loureiro

Kinostart DE: –

Kinostart US: –

Heimkinostart DE: –

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Timo Löhndorf