Mission Impossible: Rogue Nation

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Fast 20 Jahre sind vergangen und er rennt immer noch. Das „Mission Impossible“-Franchise hat in vier Kapiteln und zwei Jahrzehnten etliche Höhen und Tiefen verbuchen können. Im fünften Teil, der mysteriös nach einer abtrünnigen Nation benannt wurde, gibt es in erster Linie viele Zutaten des altbewährten Rezepts. Freunde der bisherigen Spektakel dürfen sich also erneut auf konstantes Gerenne von Hollywoods populärstem Scientologen und ausgeklügelte, (fast) unmögliche Pläne freuen. Für alle Anderen hat Regisseur Christopher McQuarrie einen vorbildlichen Actionfilm auf die Beine gestellt, bei dem sogar etwas Mühe in ein funktionierendes Drehbuch investiert wurde.

Alte Marke, neuer Geschmack

Nach einer häuslichen Verlobungsfeier und einem russischen Knast hat es Ethan Hunt (Tom Cruise) für ein erstes Zusammentreffen mit dem Zuschauer nun nach Minsk verschlagen, wo es den Transport eines gefährlichen Guts zu verhindern gilt. Ohne große Zier legt Regisseur und Autor Christopher McQuarrie (Jack Reacher) die Karten auf den Tisch und verpulvert das große „Oooh“ und „Aaaah“ innerhalb der ersten Minuten. Sein (im Nebenberuf wahnsinniger) Star krallt sich an die Seite eines Flugzeugs und begleitet den Abflug als Trittbrettfahrer. Nicht weniger als acht Takes wurden von diesem waghalsigen Stunt gedreht. Selbstverständlich ist Tom Cruise sich auch mit mittlerweile 53 Jahren nicht zu schade, diese lebensgefährliche Aktion zum Leidwesen der Versicherung auf die eigene Schulter zu nehmen. Obwohl der große Stunt, über den im Vorfeld viel berichtet wurde, die Messlatte zu Beginn des Films reichlich hoch steckt, verzichtet die Eröffnungssequenz auf eine ausladende Actionsequenz und schickt ihr Publikum mit einem Hauch von Understatement in den „Mission Impossible“-typischen Vorspann.

Ethan Hunt (Tom Cruise) nimmt jede Bonusmeile knallhart mit

Weite Teile von „Mission Impossible: Rogue Nation“ werden von dem bestimmt, was das Franchise seit jeher auszeichnet. Kompetent gedrehte, geschnittene Actionsequenzen, die zu den besten Exemplaren des Spielfelds gehören. Neben dem kurzen Geplänkel in Minsk verschlägt es Ethan und seine Crew nach London, Wien und ein angenehm nazifreies Casablanca, das Gastgeber für eine ausgezeichnete Verfolgungsjagd sein darf. Wie auch J.J. Abrams und Brad Bird vor ihm bereichert Chris McQuarrie die Serie mit seinem eigenen Stil, der ähnlich nüchtern, sparsam und stets übersichtlich daherkommt wie in „Jack Reacher“. Der ruhelose und rasanten Form, die Abrams im dritten Teil eingeführt hat, bleibt er daber allerdings treu und inszeniert die ambitionierten Pläne seiner Figuren mit angemessener Extravaganz.

Benji Dunn (Simon Pegg), eine Fliege und ein Computer

Den wirklich erwähnenswerten Beitrag leistet McQuarrie durch seine Arbeit am Drehbuch. Die „Mission Impossible“-Reihe ist nicht der einzige Kandidat, der in der Vergangenheit an irrelevanten Subplots oder unnötigen, flachen Charakteren krankte. Man erinnert sich an die weibliche Hauptrolle des vierten Teils (Paula Patton), die mit ihrer Inkompetenz mehr schadete als nützte. Gleichwohl mag man sich an Michelle Monaghan aus Teil 3 stören, die mit einer kleinen Ausnahme eher als gewöhnliche Dame daherkam, deren wichtigster Zweck es war, gerettet zu werden. In „Rogue Nation“ ist es nach vier Filmen offensichtlich Zeit, auch die Bevölkerungsgruppe mit zwei X-Chromosomen ordentlich zu repräsentieren. Mit der britischen Ilsa (Rebecca Ferguson) treffen Ethan und Co. auf eine Kollegin(?), die nicht nur den Stereotyp des unfähigen Püppchens durchbricht, sondern mit ihrem mysteriösen Charme und einer rauen Attraktivität ein feminines Gegenstück zum Übermenschen Ethan Hunt darstellt.

Ordentliche Frauencharaktere, die wahre Mission Impossible

In vier Filmen hat sich ein beachtlicher Stab an Figuren angesammelt, der für, unter oder gegen Mr. Hunt arbeitet. Es droht also eine gewisse Gefahr, die gemeinhin als „Avengers“-Syndrom bekannt ist. Die Gefahr, dass es sich bei „Mission Impossible: Rogue Nation“ um ein überfülltes Stück handelt, in dem die Charaktere sich gegenseitig die Show stehlen. McQuarrie umschifft dieses Problem gekonnt, hält den Team-Zuwachs gering und konzentiert sich darauf, bekannte Gesichter stimmig ins Gesamtbild zu integrieren. Wie so oft sticht erneut Simon Pegg heraus, der sich von einem minimalen, hauptsächlich komödiantischen Part in Teil 3 inzwischen zu einem ernsthaften Feldagenten gemausert hat und dabei eine überaus gute Figur macht. Auch ein unheimlich lässiger Luther Stickell (Ving Rhames) und ein sarkastischer William Brandt (Jeremy Renner) sind erneut mit von der Partie.

Der letzte große Knackpunkt ist Sean Harris. Der charismatische Brite reiht sich in eine lange Liste von Widersachern ein, die von Brad Bird zuletzt sehr stiefmütterlich behandelt wurde. Nachdem der Schurke des vierten Teils weder viel Screentime noch Tiefgang hatte, kann man sich hier endlich wieder auf einen unangenehmen, fiesen und skrupellosen Gegner freuen, dessen Motive im Rahmen des „Mission Impossible“-Universums sogar plausibel sind und über schlichten Wahnsinn hinausgehen.

Solomon Lanes (Sean Harris) Blick ist FAST so tödlich wie seine Pistole

Solomon Lanes (Sean Harris) Blick ist FAST so tödlich wie seine Pistole

Für einen aufwändigen Sommerfilm wie diesen dürfte es schon als Kunststück zählen, dass alle Figuren, neu wie alt, ihren Platz in der Story haben und zum Endergebnis beitragen. Nicht weniger verblüffend ist die Tatsache, dass „Rogue Nation“ sich nicht in die Karten schauen lässt und kaum vorhersehbar ist. Mit anderen Worten handelt es sich um einen Blockbuster, bei dem man selbst als routinierter Filmgänger stellenweise nicht weiß, was als Nächstes passiert.

Unterm Strich ist es sehr leicht, eine Empfehlung für „Mission Impossible: Rogue Nation“ auszusprechen. Im Vergleich zu vorherhigen Filmen der Reihe ist er ein ernsthafter, erwachsener Film, der die Komödie in Schach hält und sich stattdessen auf eine überraschend durchdachte Story konzentriert. McQuarrie hat einen Agentenfilm gedreht, der nicht nur durch die exotischen Locations und haarsträubenden Actionszenen besticht, die mittlerweile Allgemeinplatz geworden sind, besticht. Dabei taucht er sogar in die Psychologie von Agenten, Agenturen und Nationen ein, um sein Drehbuch abzurunden und interessant zu machen. Ein aufregender und extrem unterhaltsamer Sommerfilm, wie man es von Tom Cruise erwarten kann.

 

8/10


Mission Impossible: Rogue Nation (2015)

Action, Stunt-Feuerwerk, Spion-Gelöt

Regie: Christopher McQuarrie

Buch: Christopher McQuarrie

Darsteller: Tom Cruise, Rebecca Ferguson, Jeremy Renner, Simon Pegg, Sean Harris, Ving Rhames, Alec Baldwin

Kinostart DE: 06.08.2015

Kinostart US: 31.07.2015

Heimkinostart DE:

Die Rechte an allen verwendeten Grafiken in diesem Artikel liegen bei Paramount

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Timo Löhndorf