La grande bouffe (Das große Fressen)

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Die Swingin‘ Sixties sind vorüber und langsam aber sicher wird das Abendland von einer Welle der Konsumsucht überrollt. Eine ganze Reihe zeitgenössischer Künstler hat sich mit der körperlichen, materiellen und sexuellen Unersättlichkeit der Ära auseinandergesetzt und sie mit den zur Verfügung stehenden Mitteln ans Kreuz genagelt. Eines der bekanntesten Exemplare ist „La grande bouffe“ („Das große Fressen“) des italienischen Regisseurs Marco Ferreri, in dem vier gut gestellte, zivilisierte Männer mittleren Alters sich übers Wochenende in einer Villa einschließen und sich den Tod durch Maßlosigkeit als Ziel setzen. Die britischen Kollegen von Arrow Films bringen den skandalträchtigen Film in England und den USA in Form einer gut bestückten Blu-Ray heraus, die wir uns im Vorfeld ansehen konnten.

Zum Film

In den Annalen der Filmgeschichte nimmt „La grande bouffe“ einen ganz besonderen Platz ein, immerhin ist es der (vermutlich?) einzige Film, der Filmlegende Ingrid Bergman nach eigener Aussage zum Kotzen gebracht hat. Dieses einzigartige Merkmal hat anno 1973 für eine Menge Publicity gesorgt, allerdings nicht ohne Nebenwirkung. Denn Frau Bergman war damals Jury-Vorsitzende des Filmfestivals in Cannes, wo Ferreris Spektakel seine Weltpremiere feierte. Wie man es von einem derart grotesken Film erwarten kann, traf „La grande bouffe“ schon damals auf eine Menge Gegenwehr und erhitzte Gemüter, die den großspurigen Exzess der Leinwand nicht mit ihren eigenen Moralvorstellungen vereinbaren konnten.

Frei nach dem Motto „Find what you love and let it kill you“ versammeln sich Marcello (Marcello Mastroianni), Michel (Michel Piccoli), Ugo Tognazzi (Ugo) und Philippe (Philippe Noiret) in einer Villa zu einem epischen Gelage. Das bloße Essen ist schon bald nicht mehr genug, wie Marcellos Worte „J’ai besoin de baiser“ klarstellen. So werden die vier Männer von drei Damen der Nacht und der Lehrerin Andréa (Andréa Ferréol), die nur anfangs deplatziert wirkt, ergänzt und beglückt.

Allmählich kippen sowohl die Stimmung als auch der Genusslevel. Während die eigentliche Intention der vier „Helden“ sich nach und nach offenbart, füllt sich der Kopf des Publikums mit nur einem Wort: „Warum?“. Warum beschließen vier, augenscheinlich gesunde und lebensfrohe Männer, sich durch exzessiven Verzehr in die ewigen Jagdgründe zu begeben? Ferreri sei Dank bleibt diese Frage noch lange nach dem bizarren Genuss des Films in den Köpfen seiner Zuschauer. Es gibt keine expositorischen Dialoge, keine erschütternde Offenbarung von Motiven, keine Katharsis. „La grande bouffe“ liefert, was er verspricht. Nicht mehr, nicht weniger.

Heute wirkt der Film wie ein Relikt aus einer unmöglichen Vergangenheit. Nicht wegen seiner nüchternen Inszenierung oder seinem extravaganten Inhalt, sondern wegen der Mannschaft hinter dem Film. Die wunderbare Chemie, die man zwischen den europäischen All-Stars vor der Kamera erahnen kann, nimmt hinter der Kamera eine noch stärkere Form an. Ein Blick ins Bonusmaterial, auf das später im Artikel genauer eingegangen wird, zeigt fünf Männer, einen Regisseur und vier Schauspieler, die keinen bloßen Film drehen, sondern ein Statement formulieren. Für Mastroianni, Piccoli, Tognazzi und Noiret, die in den 70ern allesamt Weltberühmtheiten waren, stellte dieser Film, der über weite Strecken aus Fürzen, Perversionen und sonstigen Profanitäten besteht, ein nicht unerhebliches Risiko dar. Dass sich keiner von ihnen um eine mögliche Rufschädigung Gedanken machte, zeigen die Interviews und Ausschnitte, die um den Film herum entstanden sind. Es ist faszinierend, wie sehr das Quartett hinter dem Film steht und ihn, genau wie seinen Regisseur, vor der Moralpolizei verteidigt. „La grande bouffe“ ist nicht nur Ferreris Film, sondern auch Mastroiannis, Piccolis, Tognazzis und Noirets.

 

9/10

Zur Blu-Ray

Für den europäischen und amerikanischen Markt erscheint auf dem Label Arrow Academy eine Dual Format-Edition des Films, die auf einer Blu-Ray und einer DVD jeweils identische Inhalte bietet. Dazu gehören neben dem Film in einer neuen Restauration auch eine großzügige Auswahl an Bonusmaterial und das für Arrow übliche Wendecover samt Booklet.

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Bild

Präsentiert wird der Film in einer brandneuen Restauration und im Originalformat von 1,66:1. Folgender Hinweis zum Transfer ist am Anfang des Films zu lesen:

La Grande Bouffe has been exclusively restored for this release by Arrow Films.

The original camera negative was scanned in 2K resolution on a pin-registered ArriScan at Eclair Labs, Paris. The film was graded on the Baselight grading system at Deluxe Restoration, London.

Thousands of instances of dirt, debris and scratches were removed through a combination of digital restoration tools and techniques. Image stability and density fluctuation were also improved.

The film’s mono soundtrack was transferred from the original 35mm magnetic tracks by Roissy Film-EuropaCorp. Audio issues such as pops, clicks and buzz were repaired, minimised or removed.

The restoration of La Grande Bouffe was completed in 2K resolution. This project was supervised by James White on behalf of Arrow Films, with all work after scanning carried out at Deluxe Restoration, London.

Das Ergebnis der Restauration ist ausgezeichnet, der neue Transfer von „La grande bouffe“ überzeugt mit satten Farben, hohen Kontrasten und guter Schärfe. Die nüchternen Bilder des Kameramanns Mario Vulpiani fangen den Exzess mit einer treffenden Lakonik ein lassen den Film auf einer visuellen Ebene funktionieren. Kratzer, Artefakte und sonstige Fehler sind minimal.

Ton

Als einzige Tonspur ist der französische Originalton enthalten, der von einer 35mm-Filmrolle gezogen wurde und (auf der Blu-Ray) in unkomprimiertem LPCM wiedergegeben wird. Ähnlich wie die visuelle Präsentation lässt auch der Ton kaum Wünsche übrig. Das Reden, Schmatzen, Furzen und Kotzen des Films ertönt klar und deutlich, zumeist klarer als man es sich wünschen würde. Die spärlich eingesetzte, aber sehr schöne Musik von Philippe Sarde rundet das Klangbild ab.

Der Film ist außerdem wahlweise englisch untertitelt.

Bonusmaterial

Arrow hat für die Veröffentlichung von „La grande bouffe“ eine beachtliche Menge an Bonusmaterial produziert und lizensiert. Alle Zusatzmaterialien sind über die Menüführung leicht anzusteuern, im Menü wird (nach dem Criterion-Vorbild) außerdem kurz erläutert, was einen hinter den Punkten erwartet.

– „The Farcical Movie: Marco Ferreri“ (27:09)

Diese Fernsehsendung wurde in 1975 produziert und besteht aus einem ausführlichen Interview mit Marco Ferreri, in dem er sich unter Anderem zu seinen Einflüssen, seinen Kollegen und den Definitionen von Komödie und Provokation äußert.

In Französisch, Englisch untertitelt.

– Behind the Scenes (11:03)

Einige Aufnahmen vom Dreh, zusätzlich gibt es kurze Interview-Schnipsel mit den vier Hauptdarstellern und Ferreri selbst. Hier bekommt man einen guten Eindruck der jovialen, lockeren Atmosphäre des Sets und außerdem ein Gefühl für den Zusammenhalt der fünf Männer, der das Thema des Films widerspiegelt. Und zu guter Letzt werden einige Worte über die „ungewöhnlichen“ Speisepläne der Schauspieler verloren.

In Französisch, Englisch untertitelt.

„Couleurs autour d’un festival“ (04:28)

Ein extrem interessanter Ausschnitt aus einer französischen Fernsehsendung, in dem die Schauspieler (minus Mastroianni) und der Regisseur mit der kontroversen Rezeption ihres Films in Cannes konfrontiert werden. Es ist wundervoll, wie die drei Schauspieler ihren Film leidenschaftlich verteidigen, während Ferreri den stillen Beobachter spielt.

In Französisch, Englisch untertitelt.

„Forming Ferreri“ (18:09)

Der italienische Film-Experte Pasquale Iannone nimmt sich knapp 20 Minuten Zeit, um über das Leben und Werk von Marco Ferreri zu informieren. Die Geschichtslektion beginnt mit Ferreris Geburt in Mailand und reicht bis zu seinem erfolgreichsten Film, „La grande bouffe“. Für Zuschauer, die mit Marco Ferreri im Vorfeld nichts zu tun hatten (wie der Urheber dieser Zeilen), ist ein Extra wie dieses Gold wert. Das erste der von Arrow selbst produzierten Extras gibt viel Aufschluss über die Karriere, die den Film hervorgebracht hat und seinen Kontext.

In Englisch, nicht untertitelt.

Audiokommentar für ausgewählte Szenen (27:15)

Erneut ist Pasquale Iannone am Hebel, dieses Mal spricht er einen Audiokommentar für einige Szenen des Films ein. In seinem Kommentar geht er hauptsächlich auf lustige Anekdoten der Filmproduktion sowie die vorherigen und nachfolgenden Werke der Schauspieler ein. Nebenbei liefert er auch einige analytische Gedanken zum Film und seinen Figuren. Insgesamt haben die fünf kommentierten Szenen eine Länge von knapp einer halben Stunde.

In Englisch, nicht untertitelt.

Ausschnitt der Pressekonferenz in Cannes (01:42)

In Zeiten wie diesen, in denen es einem depressiven, skandinavischen Super-Troll bedarf, um die Anzüge in Cannes zu schütteln, ist ein Blick in die Vergangenheit ein wahrer Segen. Ferreri und seine Schauspieler nehmen an der Croisette Platz, um ihren Film zu diskutieren. Eine absolute Schande, dass dieser Ausschnitt nur so kurz ist, denn das Cineastenherz hüpft, wenn Ferreri lauthals Journalisten demontiert und Mastroianni und Co. gemütlich rauchend an seiner Seite sitzen.

In Französisch, Englisch untertitelt.

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Fazit

Arrow Films hat mit dieser Veröffentlichung erneut ganze Arbeit geleistet. Dank einer sorgfältigen Restauration erscheint Ferreris Skandalfrüchtchen in einem neuen, prachtvollen Glanz. Das Bonusmaterial ist ausführlich, unterhaltsam, extrem informativ und rundet die Scheibe zu einem Pflichtkauf für Fans des Films ab.

Die einzige Alternative zur Blu-Ray von Arrow ist eine deutsche Veröffentlichung von Arthaus, die seit Mai 2015 in den Regalen steht. Ein technischer Vergleich ist mir leider nicht möglich, was das Zusatzmaterial angeht, ist Arrow hier jedoch klarer Sieger. Die deutsche Blu-Ray beschränkt sich auf einen Trailer und ein Interview mit Schauspielerin Andréa Ferréol.

La grande bouffe bei Amazon UK

La grande bouffe im Arrow Shop


La grande bouffe (1973)

Das große Fressen

Komödie(?), Drama

Regie: Marco Ferreri

Buch: Marco Ferreri, Rafael Azcona

Darsteller: Marcello Mastroianni, Michel Piccoli, Ugo Tognazzi, Philippe Noiret, Andréa Ferréol

Kinostart DE: 27.09.1973

Kinostart US: 19.09.1973

Heimkinostart UK: 17.08.2015 (Arrow Films Blu-Ray+DVD)

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Timo Löhndorf