My Darling Clementine (Faustrecht der Prärie)

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Die Story um den legendären Schützen und Sheriff Wyatt Earp ist in der amerikanischen Popkultur fest verankert und wurde unzählige Male verfilmt. Zu den unvergesslichsten Interpretationen des Western-Mythos zählt John Fords „My Darling Clementine“ („Faustrecht der Prärie“), der fast 70 Jahre nach Erscheinen vom englischen Label Arrow eine wundervolle Veröffentlichung bekommen hat. Wir haben das limitierte Set aus zwei Blu-Rays unter die Lupe genommen.

Zum Film

Im kollektiven Bewusstsein der USA ist das Western-Genre wohl einer der wichtigsten kulturellen Bestandteile. Moderne Verfilmungen wie „Tombstone“ verlassen sich größtenteils auf raubeinige, unglaublich coole Charaktere und actionreiche Schießereien. Ein Blick in die Vergangenheit, genauer gesagt auf einen DER Western schlechthin, gibt einen tieferen Einblick in die Mythologie und macht verständlich, warum diese Periode so wichtig für die amerikanische Seele ist. Die Handlung der Geschichte sollte hinreichend bekannt sein, allerdings wurde sie vermutlich nie so glorreich und einfühlsam festgehalten wie in John Fords Meisterstück.

Mit seinen Brüdern Morgan, Virgil, James und einer Herde Nutzvieh beschreitet Wyatt Earp (Henry Fonda) den steinigen Weg der südlichen Prärie. Auf dem Weg treffen sie auf den fadenscheinigen Clanton (Walter Brennan) und seine Söhne. Wenig später haben sich die Ereignisse überschlagen, die Tiere der Earps sind entwendet, einer der Brüder liegt tot im Dreck und Wyatt Earp akzeptierten den Job des Sheriffs in der nächstgelegenen Stadt Tombstone, um die junge Ortschaft grade zu rücken. Vor Ort gerät Earp mit dem übermächtigen Doc Holliday (Victor Mature) ins Gehege, der in einer weniger offiziellen Kapazität für Gerechtigkeit sorgt. Als Lichtfigur der staubigen Landschaft betritt Doc Hollidays Verflossene Clementine Carter (Cathy Downs) die Bühne und bringt sowohl Earp als auch Holliday aus dem Konzept. Viel wird passieren, ehe die Earp-Saga in der blutig-berühmten Schießerei am O.K. Corral ein Ende nimmt.

Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika mag weniger reichhaltig sein als die der europäischen oder asiatischen Kollegen, aber es ist hier, zwischen Sand und Blut, wo die Nation, wie wir sie heute kennen, geformt wurde. „My Darling Clementine“ verkörpert das klassische Bild einer Straßenkreuzung im Nirgendwo, wo sich verlorene Seelen aus aller Welt begegnen und (auf den Gebeinen der Indianer) eine neue Gesellschaft aufbauen. In keinem anderen Western wird dieses Motiv so deutlich wie in John Fords Meilenstein. Der Film, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, zehrt von Erinnerungen an eine längst vergessene Epoche, in der die Dinge um Einiges simpler waren, als damals. Oder heute.

Bevor der Western die Identität des groben, staubigen Actionfilms annahm und von wortkargen, schnellschießenden Helden, eingenommen wurde, gab es Filme wie diesen. Filme, die von facettenreichen, komplexen Charakteren bevölkert werden und einen authentischen Blick in die Seele des späten 19. Jahrhunderts offenbaren. Unter meisterhafter Regie spielen Fonda, Mature und Downs zu Höchstleistungen auf und verdienen sich einen Platz im Film-Olymp, den sie bis heute behaupten können. Ein essentieller Film.

10/10

Zur Blu-Ray

Wie die meisten anderen Releases des britischen Labels kommt auch „My Darling Clementine“ als sattes Paket daher. Neben dem Booklet, das zur Grundausstattung gehört, bietet die Veröffentlichung zwei Blu-Ray-Discs, die randvoll mit Material sind.

Bild

Die digitale Restauration des Films, die im 4K-Format vollzogen wurde, ist schlicht atemberaubend und gehört zu den besten ihrer Art. Der Film, der inzwischen fast 70 Jahre auf dem Buckel hat, sieht unglaublich gut aus und überzeugt auf der ganzen Linie. Mit exzellenter Schärfe und guten Kontrastwerten ist es kaum zu fassen, dass ein Film von 1946 so gut aussehen kann.

Präsentiert wird „My Darling Clementine“ in seinem originalen Format von 1,37:1 und selbstverständlich in schwarz-weiß. Als einzige Untertitelspur liefert Arrow die Option einer englischen Untertitelung für Hörgeschädigte.

Ton

Als einzige Tonspur (neben dem Audiokommentar) verfügt die Blu-Ray über einen unkomprimierten PCM Mono-Sound in 1.0. Der ebenfalls restaurierte Ton ergänzt das erstklassige Bild wunderbar und macht einen ähnlich guten Eindruck. Macken, Kratzer oder sonstige Beschwerden sind beseitigt worden, Stimmen sind klar verständlich und die dynamische Tonkulisse aus Schüssen, Musik, Soundeffekten und Dialogen kann sich gut entfalten.

Bonusmaterial

Disc 1:

„John Ford and Monument Valley“ (56:53)

Dieser Dokumentarfilm über John Ford und die weltberühmte Filmkulisse des Monument Valley wurde im Jahr 2013 produziert. Darin wird ergründet, wie Ford dazu kam, Filme im Monument Valley zu drehen und wie das kinematische Wahrzeichen andere Regisseure seither beeinflusst und inspiriert hat. Zu hören gibt es unter anderem von John Wayne und Martin Scorsese.

In Englisch, nicht untertitelt.

„Movie Masterclass“ (1:03:27)

Filmemacher und Experte Lindsay Anderson beschäftigt sich in dieser Episode einer Fernsehserie mit Fords Film und hält vor einer Gruppe Filmstudenten eine Art Lektion über die erzählerischen und visuellen Tricks des Films. Außerdem streuen die Studenten hin und wieder Fragen ein, die zu interessanten Diskussionen führen. Sehr interessanter, analytischer Einblick in die Geheimnisse hinter „My Darling Clementine“.

In Englisch, nicht untertitelt.

„Lost and Gone Forever“ (17:53)

In diesem visuellen Essay setzt sich Tag Gallagher mit den Themen des Films auseinander und hilft dem geneigten Zuschauer, die Brillanz hinter Fords Regie zu begreifen. Außerdem wird „My Darling Clementine“ in das übrige Werk Fords eingeordnet.

In Englisch, nicht untertitelt.

Trailer (02:24)

Ein altmodischer Trailer zum Film.

In Englisch, nicht untertitelt.

Fotogalerie

Eine Galerie aus 104 Bildern zu „My Darling Clementine“. Dazu gehören Szenenbilder, Fotos hinter den Kulissen und PR-Material.

Audiokommentar

Gesprochen wird der Audiokommentar von Filmhistoriker Scott Eyman, Autor von Büchern wie „John Wayne: The Life and Legend“ oder „Print the Legend: The Life and Times of John Ford“. Außerdem dabei ist Wyatt Earp der Dritte. Die beiden vermutlich am besten geeigneten Männer für diesen Kommentar liefern hochinteressante Einblicke in die Produktion des Films, den zeitlichen Kontext und natürlich das wahre Leben des Leinwandhelden Wyatt Earp.

In Englisch, nicht untertitelt.

Disc 2:

My Darling Clementine (Pre-release version) (01:43:17)

Das wohl wichtigste Extra des Blu-Ray-Sets ist diese längere Version des Hauptfilms. Im Prinzip ist es die Version, die John Ford bei Produzent Darryl F. Zanuck abgab, bevor dieser sie für die Kino-Veröffentlichung kürzte. Ein genauer Vergleich der Unterschied findet sich ebenfalls auf der Disc.

In Englisch, Englisch untertitelt.

Frontier Marshal (01:11:21)

„My Darling Clementine“ mag eine der berühmtesten Earp-Verfilmungen sein, sie war allerdings nicht annähernd die erste. Sieben Jahre (oder einen Weltkrieg) vor Ford hat Allan Dwan den Sheriff mit Randolph Scott besetzt und auf die Leinwand geschickt. Auch wenn die Storys der beiden Filme sich sehr ähneln und Fords Film angeblich auf „Frontier Marshal“ basiert, unterscheidet Dwans Film sich teilweise deutlich von Fords, zum Beispiel in den Antagonisten. Die Zugabe des Films zeigt eine der vielen Variationen, die von Wyatt Earps Geschichte erzählt wurden.

In Englisch, Englisch untertitelt.

„What is the pre-release version?“ (41:52)

Robert Gitt, der für die Restauration dieser längeren Version des Films verantwortlich ist, vergleicht sie mit der Kinoversion. Hier wird vor allem deutlich, dass Produzenten eines Films damals mehr dazu gedient haben, die Vision eines Regisseurs zu fokussieren und zu schärfen. Eine Tatsache, die im Angesicht der modernen Filmindustrie leicht traurig stimmt.

In Englisch, nicht untertitelt.

„Lux Radio Theater: My Darling Clementine“ (58:43)

In diesem Radiohörspiel wird „My Darling Clementine“ von Henry Fonda, Richard Conte und Cathy Downs nachgesprochen.

In Englisch, nicht untertitelt.

„The Hallmark Playhouse: Wyatt Earp“ (25:56)

Ein weiteres Radiohörspiel, erneut mit Richard Conte. Außerdem dabei sind Gerald Mohr und Lurene Tuttle. Dieses Hörspiel basiert nicht direkt auf Fords Film, sondern grob auf dem Earp-Mythos.

In Englisch, nicht untertitelt.

Frontier Marshal Fotogalerie

45 Fotos vor und hinter den Kulissen von „Frontier Marshal“

Frontier Marshal Trailer (02:16)

Ein altmodischer Trailer zu „Frontier Marshal“

In Englisch, nicht untertitelt.

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Fazit

Dem Ruf, den Arrow Films sich in den letzten Jahren angeeignet hat, wird das britische Label auch mit dieser Veröffentlichung mühelos gerecht. Bis zum Rand vollgepackt mit aufschlussreichen Extras, alternativen Versionen der Earp-Legende und seltenem Archivmaterial und mit einer makellosen technischen Präsentation dürfte Arrows Release von „My Darling Clementine“ neben der amerikanischen Criterion die beste Veröffentlichung des Films weltweit sein.


My Darling Clementine (1946)

Faustrecht der Prärie

Western, Romanze, Drama

Regie: John Ford

Buch: Samuel G. Engel, Winston Miller (Drehbuch), Sam Hellman, Stuart N. Lake (Vorlage)

Darsteller: Henry Fonda, Victor Mature, Cathy Downs, Linda Darnell, Walter Brennan

Kinostart DE: 01.11.1949

Kinostart US: 03.12.1946

Heimkinostart UK: 17.08.2015 (Arrow Films Blu-Ray)

Die Rechte an allen verwendeten Grafiken in diesem Artikel liegen bei Arrow Films

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Timo Löhndorf