Das brandneue Testament (Le tout nouveau testament)

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Die Stories über Vater, Sohn und Heiligen Geist haben inzwischen knapp 2 Jahrtausende auf dem Buckel. Höchste Zeit also, um sie für unsere moderne Welt neu aufzulegen, oder zumindest zu ergänzen. Dieser ambitionierten Aufgabe nimmt sich der Belgier Jaco van Dormael an. Sein neuester Streich „Das brandneue Testament“ („Le tout nouveau testament“) ist ein so eigenwilliger wie einzigartiger Film, der nicht ohne Grund vom Filmfest Hamburg ausgewählt wurde, um das Festival 2015 einzuläuten.

Im Hause Gott ist die Hölle los

Am Anfang des Films setzt zunächst leichte Verwirrung ein. Befinden wir uns im Kopf eines besonders fantasievollen Mädchens? Was meint die 10-jährige Ea (Pili Groyne) wenn sie uns von ihrem Vater und ihrer Mutter erzählt? Schon bald wird klar, es ist alles vollkommen ernst gemeint. Ihr Vater (Benoît Poelvoorde) ist Gott, ihr Bruder ist Jesus. Sobald sich der Zuschauer mit dieser außergewöhnlichen Prämisse angefreundet hat, donnert es gewaltig im Himmelreich, das in Form einer (fast) gewöhnlichen Brüsseler Wohnung erscheint. Ea hat die Schnauze von ihrem missmutigen, gewalttätigen Vater voll und macht, was jedes frustrierte Kind machen würde: Ausreißen. Mit einigen soliden Ratschlägen ihres Bruders macht sie sich auf den Weg Richtung Erde. Allerdings nicht, bevor sie einen monumentalen Schraubenschlüssel in den Plan ihres Vaters wirft.

Philosophie, Religion, Komik, Tragik, Drama. Es gibt kaum etwas, was der belgische Regisseur Jaco van Dormael auf dem Weg seiner niedlichen Protagonistin auslässt. Um sich mit den größten Geschichten der Menschheit anzulegen, lässt van Dormael die Regeln und Einschränkungen moderner Geschichten kurzerhand zurück. In einer losgelösten Erzählstruktur verknüpft er Eas Suche nach Aposteln mit Evangelien, erzählt von den sechs Aposteln, auf die Ea während ihrem terrestrischen Abenteuer stößt. In bester Bibel-Manier erzählen die sechs Geschichten von Lust, Liebe, Verlangen, Enttäuschung und Tod, den Grundthemen des menschlichen Alltags. Mit einem modernen Twist bilden die sechs Evangelien das brandneue Testament, das die angestaubten Schriften um einen weiteren Band ergänzt.

Zu den interessanteren Ansätzen in van Dormaels Film zählt seine Inszenierung einer modernen Gottheit. In einer Art und Weise, die man als blasphemisch bezeichnen könnte, zeigt er einen jähzornigen, ungeduldigen und schelmischen Gott, der in seinem Verhalten nicht all zu weit von einem wirklichen Gott entfernt wäre, wenn es denn einen geben sollte. Geradezu köstlich ist es, diese unsympathische Gottheit dabei zu beobachten, wie er unter seinesgleichen auf der Erde wandelt. Hier holt van Dormael nicht nur ein ungeheures komödiantisches Potential heraus, sondern liefert auch interessante philosophische Ansätze. All das wird von der unheimlich schönen, kreativen Kameraarbeit unterstrichen, die bereits „Mr. Nobody“ zu einem visuellen Wunder machte.

„Das brandneue Testament“ ist ein Film, der nicht nur notwendig ist, sondern auch sehr gut tut. Er stimuliert Hirn und Lachmuskeln gleichermaßen und kocht die christliche Mythologie auf eine eigenwillige, amüsante Reise herunter, die weder sich noch ihr Thema zu ernst nimmt. Mit einem versöhnlichen, weniger zynischen Ansatz als beispielsweise „Dogma“ reiht sich Jaco van Dormaels Neuester mühelos in die besten Filme ein, die sich mit dem Thema Religion befassen.

10/10


Le tout nouveau testament (2015)

Das brandneue Testament

Philosophie, Religion, Satire, Komödie, Drama

Regie: Jaco van Dormael

Buch: Jaco van Dormael, Thomas Gunzig

Darsteller: Benoît Poelvoorde, Pili Groyne, Catherine Deneuve, Yolande Moreau, Francois Damiens

Kinostart DE: 03.12.2015

Kinostart US:

Heimkinostart DE:

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Timo Löhndorf