Spectre

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Die britische Doppelnull James Bond ist ein heikles Thema. Schließlich hält sich die Filmreihe seiner Abenteuer seit Jahrzehnten auf den weltweiten Leinwänden und ist somit nicht nur halb so alt wie das Kino selber, sondern auch ein fester Bestandteil der Popkultur. Entsprechend oft stößt man im Internet (und außerhalb) auf Diskussionen wie „Welcher Bond-Darsteller war der Beste?“ oder „Wann wird Idris Elba endlich als Bond verpflichtet?“. Heute soll es aber um das neueste, mittlerweile 24. offizielle Kapitel der Bond-Filme gehen. Sein Name ist „Spectre“ und seine Liste an Fehltritten und Unstimmigkeiten ist überraschend lang.

Aufstieg und Fall des Neo-Bonds

Es ist das Jahr 2006. Die letzte Leinwand-Inkarnation des britischen Spions war ein lächerliches Desaster, über das man nur ungern spricht. Also was jetzt? Es ist Zeit für eine Generalüberholung der markanten Figur. Mit „Casino Royale“ fand man in Daniel Craig einen kernigen Typen, der die lange Reihe an verschiedenen Bond-Darstellern perfekt erweiterte. Obwohl es sich in Martin Campbells Film um eines der gefürchteten Reboots handelte, wurde hier beinahe alles richtig gemacht. Heraus kam ein spannender und höchst unterhaltsamer Agenten-Film, der auf ganzer Linie überzeugen konnte.

Man scheint sich weitgehend einig zu sein, dass der Nachfolger „Ein Quantum Trost“ ein schwacher Eintrag der Serie ist. Grund hierfür dürfte die deutliche Tendenz in den Bereich Action sein, der sich mit der Richtung des Vorgängers biss. Die dürftige Reaktion auf Quantum führte dazu, dass man sich hinter den Kulissen wieder auf die Wurzeln besann. In „Skyfall“ beschloss man, die zuvor begonnene Storyline um Quantum, Le Chiffre, Vesper Lynd etc. ruhen zu lassen und sich auf das Abliefern eines weiteren Agentenfilms zu konzentrieren. Das Ergebnis war sowohl finanziell als auch qualitativ sehr gut. Des Weiteren sah „Skyfall“ eine Wachablöse. Nicht nur verließ Judi Denchs M die Story, klassische Elemente wie Q und Moneypenny wurden ebenfalls überholt und erneut ins Franchise eingefügt. Zusammen mit einem durchgeknallten Schurken, dessen Plan hinten und vorne keinen Sinn ergab, hat man hier eine perfekte Balance zwischen modernem, flotten Agentenfilm und den klassischen Bond-Zutaten erreicht.

Nach „Skyfall“ war die Erwartungshaltung groß, und das zurecht. Mit Ralph Fiennes als M gab es einen konsequenten Boss, der Bond in Schach halten sollte. Die Chemie zwischen einem jungen Q und dem Schlachtschiff James Bond war vielversprechend. Und erneut stellte sich die Frage „Was nun?“. Drei Jahre später stürmt mit „Spectre“ ein neuer Bond in die Kinos und die Welt wartet gespannt darauf, welche Linie von Produzenten und Regie verfolgt wird.

Um „Spectre“ vollständig auf den Zahn zu fühlen, kann ich in dieser Rezension leider nicht auf Spoiler verzichten. Daher hier fairerweise eine SPOILERWARNUNG für alle, die den Film noch nicht gesehen haben. Scrollt am besten bis zum Fazit runter.

Nicht dass irgendwas Überraschendes im Film passieren würde..

Retconned into Darkness

Wer sein Leben noch im Griff hat und vom Puls der modernen Internet-Lingo weit entfernt ist, wird den Begriff „retcon“ womöglich nicht kennen. Es ist eine Kurzform von „retroactive continuity“. Da es sich anbietet, möchte ich anhand der vier Craig-Bonds kurz erläutern, worum es geht und warum retconning in der Regel eine schlechte, schlechte Idee ist.

Um „Spectre“ zu besprechen und zu verstehen, ist es essentiell, die drei Vorgänger zu kennen. Sobald im Vorspann die Gesichter von Mads Mikkelsen, Eva Green und Mathieu Amalric über die Leinwand blitzen ist klar, dass man mit „Spectre“ einen Bogen zurück zu den Geschehnissen von „Casino Royale“  und „Ein Quantum Trost“ spannen möchte. Dies ist allerdings ein Problem, schließlich gab es zwischen Quantum und Spectre einen weiteren Film namens „Skyfall“. In besagtem Film musste Bond sich dem abgedrehten wie charismatischen Silva stellen, der einen Groll gegen M und den gesamten MI6 hegte. Ein simpler Rache-Plot, der als Gerüst für den unplausiblen aber tollen „Skyfall“ locker genügte. Hinzu kommt die Tatsache, dass man sich in „Skyfall“ extra von der etablierten Storyline verabschiedete.

Um in „Spectre“ den Bogen zu kriegen und alles in ein nettes Paket zu schnüren, musste man also zurückrudern und die Handlung von „Skyfall“ integrieren. Plötzlich ist Silva kein rachsüchtiger Wahnsinniger mehr, sondern ein Mitglied der Untergrund-Organisation Spectre. Und sowieso war alles, was in den letzten Jahren passierte, sorgfältig geplant. Dies ist das erste der großen Probleme in „Spectre“, wenn nicht sogar das Größte. Den vier(!) Drehbuchautoren gelingt es nicht, das Paket plausibel zusammenzuschnüren, ohne das einzelne Dialoge und Szenen so wirken, als wären sie einer lauen Nachmittags-Soap entsprungen.

Rote Rosen und scharfe Pistolen

Kahn, Blofeld und die Unterraschungen Hollywoods

Man denke kurz zurück an „Star Trek Into Darkness“, den zweiten Teil der neuen Reihe an Star Trek-Verfilmungen. Die Freude war groß, als Benedict Cumberbatch in der Rolle des „John Harrison“ besetzt wurde. Gleichzeitig machte sich die Vermutung breit, dass Cumberbatch nicht etwa den generischen John Harrison spielen würde, sondern den klassischen Star Trek-Schurken Khan. Die Gerüchteküche wurde immer lauter, trotz steten offiziellen Reaktionen, dass es sich nicht um den berühmten Khan handeln würde. Das Ende vom Lied kennen wir. Cumberbatch brüllt „I. AM. KHAAAAN.“ und das Publikum gähnt in müder Anti-Überraschung.

Man mag es kaum glauben, aber die exakt selbe Story spielt sich rund um „Spectre“ ab. Das Casting von Christoph Waltz als „Franz Oberhauser“ wurde mit großer Freude zur Kenntnis genommen, schließlich ist der Österreicher seit „Inglourious Basterds“ die erste Wahl, wenn es um schleimige Schurken geht. Aber spielt er wirklich nur den guten Franz Oberhauser? Oder verkörpert er eine neue Version des wohl bekanntesten Bond-Schurken aller Zeiten, Ernst Stavro Blofeld? Ihr dürft raten.

Kein Witz: „Spectre“ borgt ein Kernstück des Plots vom dritten „Austin Powers“!

Hans Landa Forever und mehr dumme Drehbuchautoren

Wo wir schon bei Waltz sind, muss ich ein heikles Geständnis ablegen. Er nervt mich. Sein Casting in Tarantinos „Inglourious Basterds“ war perfekt. Warum? Der Film wird bevölkert von rachsüchtigen Monstern (wie jeder Tarantino-Film) und nutzt als Kulisse eine der grausamsten Begebenheiten des 20. Jahrhunderts. Waltz‘ Rolle als schelmischer, redseliger SS-Colonel passte perfekt auf seine schauspielerische Methode, die ausschließlich aus Redseligkeit und Schleimigkeit besteht. Seitdem scheint er neben zwei Oscars auch einen Freibrief sowie die bedingungslose Liebe des Publikums erhalten zu haben. Hier tritt er als Kopf einer internationalen Untergrund-Organisation auf und plötzlich passen die Teile nicht mehr zusammen. Ohne ein SS-Kommando im Rücken wirkt Waltz als Blofeld mehr wie ein komplettes Arschloch und weniger wie ein ernstzunehmender Gegner.

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„Herr Mendes, wie können wir unseren Schurken möglichst mysteriös wirken lassen?“ – „Hmmm..setzt ihn einfach in den Schatten. MITTACH!!“

Allerdings liegt die Schuld nicht komplett bei Waltz. Mit vier Drehbuchautoren hat er reichlich Verstärkung und muss den ikonischen Bond-Schurken nicht alleine beschämen. Hier ist die Motivation, die Blofeld dazu getrieben hat, Bonds Leben über mehrere Jahre zu zerstören: Vor vielen vielen Jahren hat die Familie Oberhauser/Blofeld einen jungen Waisen namens James Bond aufgenommen. Leider entwickelte James sich schnell zum Liebling der Eltern, was den kleinen Ernst Stavro sehr zornig gemacht hat. Ich sprach bereits von Drehbuch-Ideen, die direkt aus billigen Soaps kommen. Dieser fadenscheinige Ersatz für eine Hintergrund-Story ist wohl das deutlichste Beispiel dafür, dass das Drehbuch von „Spectre“ bestenfalls ein herber Ausrutscher ist.

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Wenigstens kann Drax der Zerstörer die Bond-Villain-Flagge ein Stück oben halten..

Die Liebe seines Lebens (2.0)

Ich bin noch lange nicht fertig. Die Schwächen von „Spectre“ fangen erst richtig an, wenn es um seine Nebendarsteller, allen voran die berühmten Bond-Girls geht. Über Monica Belluccis Auftritt lässt sich nur wenig sagen, da er kürzer ist als dieser Absatz.

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„Es tut mir schrecklich leid, Signora Bellucci. Ab 50 gibt es für Frauen in Bond-Filmen nur noch Cameos.“

Aber immerhin bleibt noch Léa Seydoux, die im späteren Verlauf dazu stößt. Ihre Figur mag nur etwas sexistisch sein, was für Bond-Verhältnisse wohl noch löblich ist. Viel schlimmer ist die Tatsache, dass sie ein schwach geschriebener Charakter ist, der alle fünf Minuten sein Verhalten und seine Einstellung ändert. Das Sahnehäubchen ist allerdings die feurige Liebesgeschichte, die sich zwischen Seydoux und dem geschätzt 40 Jahre älteren Daniel Craig abspielt. Nach ein paar Momenten des gemeinsamen Reisens hat sich hier ein Paar etabliert, das sich gegenseitig unsterbliche Liebe verspricht. Ein Blick zurück auf „Casino Royale“ zeigt, wie man selbst einen Bond-Film um einen glaubwürdigen und interessanten Romantik-Subplot bereichern kann. Und gerade in diesem Vergleich verblasst die kitschige, eindimensionale Story in „Spectre“ ungemein.

Ein Schritt vor, fünf Schritte zurück

Besagte Liebesgeschichte ist nicht nur abartig schlecht geschrieben und komplett unbrauchbar. Sie dient auch dazu, den in „Casino Royale“ und „Ein Quantum Trost“ etablierten Neo-Bond komplett zu zerstören. Am Anfang von Casino beobachten wir einen kaltblütigen Bond, der einen armen Statisten in einem Badezimmer zu Klump haut und einem Verräter per Walther die Hirnhälften neu anordnet. In Quantum folgen wir Bond über einen ausgedehnten, leichenreichen Rachetrip über den Globus. In „Spectre“ kommt es zum Showdown zwischen James und Blofeld, dem Arsch der Bonds gesamtes Jahrzehnt versaut hat. Was macht Bond? Eigentlich müsste er das schmierige Wiesel kurzerhand abknallen. Aber nein, er lässt Gnade vor Recht ergehen, senkt die Waffe und macht sich auf, einen halblegalen Liebesakt mit seiner neuen Flamme zu vollziehen.

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„…oh, James..“

Fazit

Wenn ich einen Sündenbock für „Spectre“s Versagen finden müsste, wäre es wohl dieser. Obwohl man in „Skyfall“ bereits eine funktionierende Balance zwischen Alt und Neu fand versuchte man, die klassische Bond-Formel weiter in die neuen Filme zu mischen. Und dabei hat man sich gehörig übernommen. Actionszenen werden von unnötigen Humor-Versuchen versauert. Der emotional bankrotte James Bond verzichtet auf den wohl wichtigsten Mord um mit Bond-Girl #3592 die Laken zu stürmen. Der kernige, raue Charakter, der in den drei Vorgängern so viel Spaß gemacht hat, ist weg. Verschwunden in einem tonalen Chaos aus Retro-Bond und modernem Actionfilm. Um jeden Preis wollte man die Geschichte von Casino und Quantum zuende erzählen. Dabei hat man jedoch nicht nur aus den Augen verloren, was Craigs Bond im Kern ausmacht, sondern auch, was einen guten Film ausmacht.

Mit einer exzessiven Laufzeit, einem gähnend langweiligen zweiten Akt, einem fast abwesenden Schurken und einem hanebüchenen Drehbuch ist „Spectre“ mit Abstand der schwächste Eintrag in Craigs Bond-Dynastie. Wo ich nach „Skyfall“ noch mit Freude und Spannung einen neuen Bond erwartete, wünsche ich mir jetzt eine erneute Generalüberholung des Franchises, da „Spectre“ Craigs Bond brutal an die Wand gefahren hat.

 

3/10


Spectre (2015)

Action, Bond

Regie: Sam Mendes

Buch: John Logan, Neal Purvis, Robert Wade, Jez Butterworth

Darsteller: Daniel Craig, Christoph Waltz, Ralph Fiennes, Léa Seydoux, Monica Bellucci, Ben Whishaw, Naomie Harris, Dave Bautista, Andrew Scott, Jesper Christensen

Kinostart DE: 05.11.2015

Kinostart US: 06.11.2015

Heimkinostart DE:

Die Rechte an allen verwendeten Grafiken in diesem Artikel liegen bei Sony Pictures Germany

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Timo Löhndorf