Demon

Demon_Cover

„Demon“ ist ein ziemlich blöder Titel. Genau wie Vampire oder Zombies wurde die Thematik der dämonischen Besessenheit in den letzten Jahren brutal totgehauen. Gerade in diesem Jahr lief mit „Demonic“ ein Stück, das so schlecht ist, dass ich immer noch darüber lache. Mit diesem Gewäsch hat die polnisch-israelische Ko-Produktion nichts am Hut. Man mag sogar behaupten, dass sie Meilen über den Köpfen ihrer Konkurrenten schwebt. Oder dass Regisseur Marcin Wrona aus seinem Hauptdarsteller eine geradezu epische Leistung herauskitzelt, die den Vergleich zur Linda Blair eines Exorzisten nicht zu scheuen braucht. Behaupten kann man jedoch vieles. Warum für Freunde des anspruchsvollen Genrekinos kein Weg an „Demon“ vorbeiführt, kann ich sogar im Detail erläutern.

Grenzen waren gestern

Einen kompetenten Regisseur kann man an seiner Arbeit oft schnell identifizieren. Zum Beispiel daran, wie er die Exposition seines Films gestaltet. Wählt er eine einfache Lösung wie Voice-Over, Texttafeln oder gestelzten Dialog? Oder lässt er sich etwas Kreativeres einfallen? Im Fall von „Demon“ sind sowohl der Ton als auch die Ausgangslage sofort bekannt. Hinter dem Vorspann schleicht sich ein Bagger durch ein tristes, polnisches Dörfchen. Die Farbpalette setzt sich aus blassen Pastelltönen zusammen, die Musik ist ominös und die gefilmte Umgebung ist in einen dichten Nebel getaucht. Hier liegt etwas im Argen. Okay, dass der Film „Demon“ heißt, könnte das auch verraten. Trotzdem etabliert Wrona seine Stimmung schnell und effektiv.

Wenige Dialogzeilen später ist auch der Inhalt des Films (zunächst) abgesteckt. Aus England reist Piotr (Itay Tiran) an, um seine polnische Flamme Zaneta (Agnieszka Zulewska) zu ehelichen. Alle scheinen ob des bevorstehenden Festes in Euphorie zu sein, nur der Bräutigam selbst wirkt leicht beinruhigt. Doch dabei kann es sich ja kaum um mehr als die gewöhnlichen, vorehelichen Panikanfälle handeln. Es folgen die Hochzeitszeremonie und schließlich der Empfang, stets unterstrichen von Piotrs allmählichem Zerfall. Zu fortgeschrittenen Stunde ist es offensichtlich, dass es sich hier nicht um eine Überdosis Vodka handelt.

Ein langes Wochenende steht bevor

Viel mehr soll von der Handlungsebene nicht vorweggenommen werden. Im krassen Gegensatz zu seinem leicht generischen Titel ist „Demon“ ein unverhoffter Twist auf die alte Exorzismus-Story. Das fängt damit an, dass es sich hier um einen eher seltenen Fall handelt, in dem ein Mann Opfer der dämonischen Besessenheit wird. Außerdem handelt es sich hier in keinster Weise um einen herkömmlichen Slasher/Horror/Dämonenfilm. Marcin Wrona gestaltet die Eskalation seines Films nicht auf einer gewalttätigen oder spannenden Ebene, sondern auf der sorgfältig entworfenen Charakterebene. Eine Seltenheit des Genres. Außerdem wird der religiöse Hintergrund der Story verschoben. Hier sind es mal nicht Satan oder Hitler, die die Körper der Lebenden ergreifen.

Entsprechend nutzlos sind die Geistlichen des Katholiken-Camps

Es gelingen noch zwei weitere dieser Kunststücke. Das eine ist Hauptdarsteller X, der durchweg begeistert. Als beunruhigter Bräutigam, als Geist, der dessen Körper kommandiert und auf dem ganzen Weg dazwischen. Die körperlichen und mimischen Verzerrungen sind ein kleiner, trotzdem sehr eindrucksvoller Teil seiner Darbietung. Wenn „Demon“ international die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient, dürfte diese Performance in die Geschichtsbücher des Films eingehen.Das zweite große Kunststück ist Humor. Anfangs erwähnte ich, dass Marcin Wrona eine unbehagliche Stimmung erzeugt. Diese hält er über die gesamte Laufzeit des Films aufrecht. Und ab der Hälfte durchsetzt er sie mit geschmackvollem Humor. Man hält es vermutlich nicht für möglich, bis man es sieht. „Demon“ verbindet eine originelle, charaktergetriebene und vor allem unheimliche Dämonen-Story mit einem sehr amüsanten Unterton. Dabei kommt keines der sehr widersprüchlichen Elemente dem Anderen in die Quere.

Das glückliche(?) Brautpaar

Wie schon Nikias‘ Chryssos „Der Bunker“, der ebenfalls auf dem SHIVERS-Festival zu sehen war, ist „Demon“ keine gewöhnliche Genrekost. Beide Filme benutzen die Motive von Horror und/oder Thriller vor allem für stilistische Inspiration. Unter den atemberaubend schönen Bildern und Sets von „Demon“ versteckt sich ein kreatives Stück Film, das überrascht, amüsiert, unterhält und wahnsinnig viel Spaß macht.

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9/10

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Kurz nach der Weltpremiere seines Films nahm sich Regisseur Marcin Wrona das Leben. Eine Tragödie, denn er hätte das Kino sicher um viele weitere tolle Filme bereichert.

Demon_Wrona


Demon (2015)

Thriller, Dämonen, Drama, Komödie

Regie: Marcin Wrona

Buch: Marcin Wrona, Pawel Maslona

Darsteller: Itay Tiran, Agnieszka Zulewska, Andrzej Grabowski, Tomasz Schuchardt, Katarzyna Herman, Tomasz Zietek, Cezary Kosinski

Kinostart DE: –

Kinostart US: –

Heimkinostart DE: –

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Timo Löhndorf