Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten

Brooklyn_Cover

Nur einen Monat nach dem Kinostart von „Carol“ erreicht uns mit „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ bereits die zweite Romanverfilmung über Frauen, die in den 1950ern in einem Kaufhaus in New York arbeiten. Dort hören die Parallelen zwischen beiden Filmen allerdings schon auf. „Brooklyn“ erzählt uns die Geschichte der irischen Immigrantin Eilis, die aus dem Nachkriegs-Irland nach New York flüchtet, um dort eine Existenz aufzubauen. Doch ihr starkes Heimweh macht diese Aufgabe zur größten Herausforderung ihres jungen Lebens.

Auf der Suche nach einem Zuhause

„Brooklyn“ ist vermutlich der frustrierendste Film des Jahres 2015. Zwischen den Seiten des Drehbuchs versteckt sich eine sympathische und zeitlose Geschichte, die sich mit Heimat, Familie und Liebe beschäftigt. Im Zentrum steht die unbescholtene Eilis (Saoirse Ronan), die mit den beruflichen und privaten Perspektiven ihrer irischen Heimat unzufrieden ist. Wie viele ihrer Zeitgenossen richtet sie den Blick Richtung Westen und begibt sich auf die lange Reise über den Atlantik. Ihr Ziel ist New York, der kulturelle Schmelztiegel des 20. Jahrhunderts und damals wie heute eine der aufregendsten Städte der Welt.

Eigentlich nur wegen Coney Island

Also warum ist „Brooklyn“ so unheimlich frustrierend? Ein großer Makel des Films offenbart sich bereits in der ersten Viertelstunde, die sich nicht nur durch schlechtes Pacing, sondern auch durch einen wilden Mix verschiedener Tonalitäten auszeichnet. Direkt zu Beginn offenbart Eilis ihrer Schwester und Mutter, dass sie ihr Glück nun in den USA suchen will. Ohne sich Zeit zu nehmen, um das Verhältnis der Familie zu etablieren, huscht der Film seine Protagonistin aufs Boot. Dort ereignet sich der erste rätselhafte Stilbruch. Fünf Minuten nach dem schmerzhaften Abschied ihrer Lieben dürfen wir in einer von vielen deplatziert wirkenden Szenen beobachten, wie eine seekranke Saoirse Ronan sich aus beiden Enden des Körpers in einen Eimer entlädt. Obwohl dieser holprige Übergang später eine Bewandnis haben wird, wirkt diese halbherzige Mischung aus Tragödie und Komödie sehr störend und unnötig.

Eilis (Saoirse Ronan) akklimatisiert sich

Leider ist dies erst der Beginn einer langen Liste aus Unzulänglichkeiten, die „Brooklyn“ daran hindern, ein guter Film zu sein. Der nächste Punkt sind die Charaktere, die sich mit Ausnahme der Protagonistin alle in einer Dimension abspielen. Die umtriebigen, klatschsüchtigen Zimmergenossen von Eilis. Eine launische Matriarchin, die zu kaum mehr als Pointen dient. Und nicht zuletzt das wandelnde Klischee Tony (Emory Cohen), ein italienischer Klempner, der Eilis‘ Aufmerksamkeit auf sich zieht. Letzterer ist ein großer Schwachpunkt des Films. Entweder liegt es an der schwachen Regie von John Crowley oder an den limitierten Fähigkeiten des Schauspielers, aber Tony fügt sich überhaupt nicht in die Ära des Films ein. Sein auffallend unitalienisches Äußeres und seine genuschelte, angestrengte Sprechweise lassen ihn eher wie eine drittklassige Imitation von Forrest Gump wirken. Zwischen Eilis und Tony wird eine Romanze forciert, obwohl die beiden keinerlei Chemie miteinander haben.

Aber hey, sie sind beide Immigranten. Das muss reichen!

Das Drehbuch des Films, das erstaunlicherweise von Nick Hornby adaptiert wurde, ist schwach. Dies schlägt sich hauptsächlich in den zweifelhaften Entscheidungen der Charaktere nieder. Der größte Schnitzer befindet sich am Ende des Films, wenn Eilis eine lebenswichtige Entscheidung ohne nachvollziehbaren Grund trifft.

Zu guter Letzt geht es darum, wie gut „Brooklyn“ den Stil und das Gefühl der 1950er in New York emulieren kann. Todd Haynes hat diese Aufgabe in „Carol“ mit Bravour erfüllt und lässt diesen Film eiskalt im Fahrwasser zurück. Vielleicht liegt es an der Kamera, die aus irgendeinem Grund stets mobil und wacklig ist. Vielleicht liegt es an den Charakteren, deren Verhaltensweisen unplausibel und anachronistisch wirken. Ganz sicher aber liegt es daran, dass der Film in Montreal gedreht wurde, weil man das Brooklyn von 2014 offenbar nicht ins Brooklyn der 50er verwandeln konnte. Da fragt man sich doch, was für Zauberer in „Carol“ am Werk waren?

„Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ nimmt sich Großes vor. Er möchte uns zeigen, wie sich Menschen fernab ihres Geburtsortes eine neue Heimat schaffen. Er möchte eine gefühlvolle Abhandlung über Heimweh sein. Diese Gedankenansätze blitzen im Verlauf des Films immer mal wieder auf und gewähren einen Einblick in das, was dieser Film hätte sein können. Hier geraten Herz und Hirn des Cineasten leicht in Aufruhr, denn mit einigen Veränderungen wäre aus „Brooklyn“ ein guter Film geworden. Erhebliche dramaturgische Schwächen, gepaart mit fragwürdigem Casting und inkompetenter Regie machen den Film letztlich zu kaum mehr als einer verpassten Chance.

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4/10

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Brooklyn (2015)

Eine Liebe zwischen zwei Welten

Drama, Romanze, Komödie

Regie: John Crowley

Buch: Colm Tóibín (Buch), Nick Hornby (Drehbuch)

Darsteller: Saoirse Ronan, Jim Broadbent, Emory Cohen, Julie Walters, Domhnall Gleeson, Fiona Glascott

Kinostart DE: 21.01.2016

Kinostart US: 04.11.2015

Heimkinostart DE: –

Die Rechte an allen verwendeten Grafiken in diesem Artikel liegen bei 20th Century Fox

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Timo Löhndorf