The Hateful Eight

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In seinem angeblich achten Film versucht sich der Meister der Zitate an einem Kammerspiel. In der wundervollen Winterlandschaft Wyoming der 1870er schließt er acht Charaktere in einer verschneiten Hütte ein. Zusammen mit einer Handvoll Feuerwaffen und jeder Menge Hass verwandelt Tarantino in „The Hateful Eight“ einen eisigen Unterschlupf in ein Pulverfass aus Blut, Gewalt und natürlich den cleveren Dialogen, die über die Jahre zu seinem Markenzeichen geworden sind.

Kapitel 1

Des Blenders Kosmos

Schon seit dem Monolog über Madonnas “Like a Virgin“, mit dem Quentin höchstpersönlich sein Debüt „Reservoir Dogs“ einläutete, versteht der amerikanische Cineast, Autor und Regisseur sich als Hüter der verlorenen Schätze des Weltkinos. Den Titel erarbeitet er sich durch das beharrliche Zitieren seiner großen Vorbilder. Gutmütige Kritiker und Fans seiner Filme verteidigen diesen Prozess hartnäckig und bezeichnen ihn als Hommage. Zwar bereicherte er seinen bis dato besten Film „Inglourious Basterds“ um einige interessante Aspekte bezüglich filmischer Gewalt und deren Rezeption, im Großen und Ganzen räumt Tarantinos Kino seinem Ego jedoch weit mehr Platz ein als seinen Ideen.

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Nach einem Nazi-Western und einem Sklaven-Western wehrt Quentin sich nach wie vor gegen thematische oder inhaltliche Abwechslung. Wieder gibt es einen Western. Wieder legt er das Geschehen in die jungen USA, wieder bilden blutrünstige Kopfgeldjäger und brutale Haudegen die Ecksteine seiner Figurenkonstellation. Dabei nimmt er sich mehr als drei Stunden Zeit, um eine Story zu erzählen, die der geneigte Tarantino-Freund bereits beim Lesen der Kurzzusammenfassung kennt. Der Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) begleitet seine Beute Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) nach Red Rock, wo sie für Mord hängen und er eine königliche Prämie kassieren soll. Ein unerbittlicher Schneesturm zwingt die Beiden, einige Nächte in einer Taverne zu verbringen. Außerdem im Mix sind sechs weitere Charaktere, deren Absichten weniger transparent sind. Es sollte jedem klar sein, dass die isolierte Hütte sich zum Ende des Films in ein Blutbad verwandelt. Für eine Beurteilung von „The Hateful Eight“ muss man sich in erster Linie ansehen, wie QT die gut zwei Stunden gestaltet, die dem Gemetzel vorauskriechen.

Kapitel 2

Die Tarantino-Formel und ihre Achillessehne

Die ersten 30 Minuten der besagten 2 Stunden kann man ruhigen Gewissens ausklammern. Denn bis der Film am Ort des Kammerspiels ankommt, vergeht eine satte halbe Stunde, deren Inhalt ein anderer Filmemacher in zehn Minuten auf die Leinwand gezaubert hätte. Schon hier offenbart sich die Rückkehr eines berühmten Tarantino-Symptoms. Die elendig langen Dialogsequenzen, die in „The Hateful Eight“ so wirken, als ob ein Realschüler die 1000 Wörter seines Aufsatzes unbedingt zusammenkriegen muss. Im zweiten Akt nimmt der Film allmählich die Form des Kammer- und Ratespiels an. Und dieses funktioniert im Universum eines Quentin Tarantino überhaupt nicht. Acht (eigentlich sind es mehr, aber der Titel passt so toll zu „The 8th film by“) brutale Schergen sind auf engem Raum eingesperrt. Es wird auf ein Blutbad hinauslaufen. Ist es wirklich wichtig und erzählenswert, wie und warum dieses Blutbad zustande kommt? Vielleicht, aber nicht in über zwei Stunden.

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Darüber hinaus tut sich ein weiteres Problem auf, wenn ein Spaß-Regisseur wie QT sich an so einem Format versucht. Seit jeher sind seine Filme gefüllt mit unsympathischen, brutalen und hinterlistigen Figuren, für die sogar er kaum Empathie zu haben scheint. In einem charaktergetriebenen Film, wie dieser eigentlich sein müsste, geht diese Formel nicht auf. Keiner der Acht ist ansatzweise sympathisch genug, um sich als Zuschauer mit seinen Motiven oder Hintergründen beschäftigen zu wollen. Als einzig befriedigender Moment bleibt also das gegenseitige Abschlachten. Und als eben dieses endlich kam, hatte „The Hateful Eight“ mich mit seinem end- und ziellosen Gequatsche längst verloren.

Kapitel 3

I am Quentin. Hear me roar.

Recht früh im Film stopft einer der Charaktere sich seine Pfeife mit Red Apple-Tabak. Fans von QT wissen: Red Apple ist eine fiktive Marke, die seit Jahren als Art Insider-Gag in seinen Filmen auftaucht. Später folgen weitere Aussagen wie „Red Apple is my favorite tobacco“. Dann raucht der Mexikaner im Bunde eine „Manzana Roja“ (spanisch für „Red Apple“ (englisch für „Roter Apfel“)). Schließlich steht eine Packung der Zigarettenmarke im Zentrum des Bildes und wird von einem Spotlicht angebrüllt.

Dieses Detail ist ein kleiner aber sehr bezeichnender Einblick in Tarantinos Entwicklung als Filmemacher und Person. Über die Jahre sind seine Egomanie und Selbstverliebtheit exponentiell gewachsen. Kleine Späßchen, die der Filmemacher sich erlaubt hat, geraten vollkommen außer Kontrolle. Die Masturbation, die Quentins Filme spätestens seit „Kill Bill“ waren, hat eindeutig überhand genommen. Dies beginnt bei der Länge seiner Filme. „The Hateful Eight“ könnte etwa die Hälfte seiner Laufzeit verlieren, ohne dass man etwas vermissen würde. Es geht weiter mit dem Totschlagen der Red-Apple-Gags, der irgendwann schlicht nervt.

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Der Gnadenstoß ist jedoch die Erzählerstimme des Films. Etwa zur Hälfte erscheint eine Stimme aus dem Off und gibt uns ein Update darüber, was jeder der Charaktere gerade macht. Diese Stimme tritt nur ein einziges Mal auf und verschwindet dann. Dies kann beinahe als Stilbruch angesehen werden. Natürlich ist es die Stimme von Quentin höchstpersönlich. Und die Tatsache, dass er diesen kleinen Gastauftritt reingeschmuggelt hat, ist noch nichtmal das Schlimmste. Wie sich vielleicht herumgesprochen hat, wird „The Hateful Eight“ in zwei Versionen verbreitet. Eine analoge Version, die auf 70mm-Film vorgeführt wird und eine digitale Version. In der analogen Version gibt es nicht nur eine Ouvertüre, die den Film musikalisch einleitet, es gibt auch eine Pause in der Mitte des Films. Der einzige Auftritt der Erzählerstimme liegt zu Beginn des zweiten Teils, wo sie Sinn macht. Schließlich hat man den Film gerade unterbrochen. Hier ist das Problem: Vermutlich werden 90 bis 95 Prozent der Vorführungen des Films (einschließlich Heimkino) in der digitalen Version sein. Somit enthält die überwältigende Mehrheit des Films einen seltsam deplatziert wirkenden Stilbruch. Und das nur, damit Mr. Tarantino seine Stimme für 30 Sekunden unterbringen konnte. Dies mag wie ein minderes Argument klingen, allerdings ist es ein deutliches Symptom von Tarantinos Egowahn. Und dafür, dass seine Filme in erster Linie Masturbation sind. Und sowas gehört sich in der Öffentlichkeit nicht.

Kapitel 4

Die Ruhe nach dem Sturm

Selbst die positiven Aspekte des Films machen wütend. Denn mit etwas mehr Disziplin und Fokus hätte Tarantino ein wirklich gutes Exemplar abgeliefert. Viel von dem Hass, der in „The Hateful Eight“ omnipräsent ist, entwickelt sich aus dem kurz zuvor geführten Bürgerkrieg. Vor allem das Thema Rassismus bekommt großzügigen Raum spendiert und bildet sogar den thematischen Kern des Films. Die Spannungen zwischen Sam Jackson und Bruce Dern, zwei Veteranen der unterschiedlichen Seiten, sind für eine Weile im Fokus und machen den Film fast interessant. Natürlich ist der nächste Gewaltakt nicht fern und sämtliche Ansätze der letzten Minuten werden auf einen primitiven, brutalen Kern reduziert. Stellenweise hat man das Gefühl, dass QT wirklich etwas zum Ausdruck bringen möchte. Doch verfügt er weder über die Reife noch das Vokabular, um seine hübschen Bilder mit einem stabilen Unterbau auszustatten.

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Zum ersten Mal bestückt QT einen Film größtenteils mit Musik, die eigens komponiert wurde. Und das von keinem Geringeren als Ennio Morricone. Auch im hohen Alter weiß Morricone noch, welche Noten er wann treffen muss, um einen stimmigen Soundtrack zu schreiben. Die Musik harmoniert bestens mit den Bildern von Robert Richardson, die die verschneite Landschaft und die ominös beleuchtete Kulisse der Taverne schön einfangen. Auch verstecken sich unter den Charakteren, die sich im Großen und Ganzen kaum voneinander unterscheiden, einige tolle schauspielerische Leistungen. Vor allem von den (wenigen) Schauspielern, die zuvor noch nicht mit Quentin gearbeitet haben. Jennifer Jason Leigh ist als rotzige Gefangene Daisy Domergue ein chaotisches Fragezeichen neben ihren männlichen Kollegen. Walton Goggins als Sohn eines Kriegsveteranen ist ebenfalls eine positive Überraschung. Vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass er als einer von zwei Charakteren so etwas wie eine Entwicklung beschert bekommt.

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Der Rest des Films besteht aus Quentin Tarantino, der sich zunehmend um sich selbst dreht und dabei an Realitätsverlust zu leiden scheint. Jeder dritte Satz seines Drehbuches enthält das Wort „Nigger“. Tim Roths Charakter ist als oberflächlich freundlicher und quietschiger Schleimbolzen 1:1 von Hans Landa und King Schultz übernommen. Zwei Drittel des gesamten Dialogs bestehen aus Drohungen und aufgeblasenem Macho-Geschwafel. „The Hateful Eight“ ist bestenfalls für extreme Tarantino-Fans geeignet, die die kreative Stagnation des Regisseurs nicht bemerken und/oder ignorieren. Alle Anderen dürften im achten Werk des großen Blenders höchstens ein überlanges und selbstgefälliges Stück Film sehen. Daran ändert leider auch das noble Vorhaben, den Film auf 70mm zu zeigen, nichts. Denn was bringt eine extrabreite Leinwand, wenn darauf nichts Wertvolles zu sehen ist?

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3,5/10

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The Hateful Eight (2015)

Western

Regie: Quentin Tarantino

Buch: Quentin Tarantino

Darsteller: Kurt Russell, Samuel L. Jackson, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Walton Goggins, Michael Madsen, Bruce Dern, Demian Bichir

Kinostart DE: 28.01.2016

Kinostart US: 25.12.2015

Heimkinostart DE:

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Timo Löhndorf