The Neon Demon

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Ein neuer Refn-Film? Da bin ich doch an Bord! Nach „Bronson“, „Walhalla Rising“, „Drive“ und „Only God Forgives“ kommt am 23. Juni 2016 das fünfte (englischsprachige) Machwerk des exzentrischen Dänen in deutsche Kinos. Für „The Neon Demon“ hat sich Nicolas Winding Refn ganze drei Jahre Zeit gelassen. Nach dem superpopulären „Drive“ und dem etwas kontroversen „Only God Forgives“, versucht Refn seinen ganz persönlichen Stempel auf das Horror-Genre zu drücken.

The Next Topmodel

Die blutjunge Jesse (Elle Fanning) ist frisch ins glamouröse Los Angeles umgesiedelt, um sich als Model zu versuchen. Das junge Mädchen wird schnell entdeckt, ihre frische Art und natürliche Schönheit ziehen Begehrlichkeit und Neid zugleich nach sich. Während Jesse sich nach und nach vom schüchternen jungen Ding wegbewegt, versucht eine Gruppe Kolleginnen mit allen Mitteln das zu bekommen, was ihren Erfolg ausmacht.

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Modelkollegin Sarah verzweifelt an Jesses Erfolg.

Das Refn-Modell

Nicolas Winding Refn schafft es erneut, etwas Besonderes auf den Tisch zu zaubern. Abermals erzeugt der Däne durch das Zusammenspiel von Farben, Musik und einer Handvoll Dialog ein Filmerlebnis, das die wenigsten Regisseure heutzutage erreichen. Sein audiovisueller Stil gepaart mit linearer Story – was sich vor allem bei „Drive“ rentierte – bringt den Zuschauer dazu, wie gebannt auf die Leinwand zu starren und jedes Bild regelrecht einzusaugen – auch wenn das Geschehen gar nicht mal so interessant erscheint.

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Farben, Musik und die Atmopshäre spielen in Refn-Filmen meist die Hauptrolle.

Zeit für Weiblichkeit

Um seine Visionen verwirklichen zu können, holt er sich stets talentierte Leute ins Boot. Sein liebster main guy Ryan Gosling hat dieses Mal keine Verwendung gefunden, stattdessen geht die Hauptrolle an die gerade einmal 18-jährige Elle Fanning. Die jüngere Schwester von Ex-Kinderstar Dakota Fanning schafft es den wechselhaften Charakter der Jesse eindrucksvoll zum Leben zu erwecken. Anfangs schüchtern und zurückhaltend, steigt Jesse der Erfolg nach und nach zu Kopf. Die Transformation vom Mädchen zum Starlet gelingt der Schauspielerin scheinbar ohne große Mühe.

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Und die Verehrer stehen bereits Schlange.

Ihr zur Seite steht Jena Malone, die Jesse als Make-up-Artist Ruby auf ihrem Weg zum Topmodel begleitet. Die Chemie zwischen den beiden Darstellerinnen ist bereits beim ersten Aufeinandertreffen erkennbar und entwickelt sich von Szene zu Szene weiter. Für die beiden größeren Nebenrollen hat Refn Abbey Lee und Bella Heathcote als eifersüchtiges Model-Duo Sarah und Gigi für „The Neon Demon“ verpflichtet. Im Verlauf des Films sehen die beiden Charaktere ihre Felle davonschwimmen und wirken zunehmend verbittert.

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Gerade das Zusammenspiel von Elle Fanning und Jena Malone klappt hervorragend.

Stars in Nebenrollen

Mit Christina Hendricks, die bereits in „Drive“ mit Refn gearbeitet hat, und Keanu Reeves sind zusätzlich zwei sehr bekannte Gesichter im Cast vertreten. Erstere hat einen eher kurzen Auftritt als Leiterin einer Modelagentur und Entdeckerin von Jesse. Reeves hat da schon eine größere Rolle in „The Neon Demon“. Er spielt Hank, den Besitzer des Motels, in dem sich Jesse einquartiert, und stellt sich nach kurzer Zeit als wenig vertrauenswürdiger Zeitgenosse heraus. Ein interessanter Schachzug des dänischen Regisseurs: Denn mit Keanu Reeves verbindet man generell heroische Charaktere, allen voran Neo aus der „Matrix“-Trilogie. Eine solche Ikone in einer derartigen Rolle zu sehen, macht Spaß und überrascht.

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Jesse rückt schnell in Hanks Fokus.

Qualität hinter der Kamera

Neuland beschreitet Refn auch hinter der Kamera: Nicht nur die vier tragenden Charaktere des Films werden von weiblichen Darstellerinnen besetzt, auch an der Kamera gab es einen derartigen Wechsel vom bisherigen Trott. Natasha Braier fungiert in „The Neon Demon“ als Kamerafrau und übersetzt den Refn-Stil quasi lückenlos. Hierbei erkennt man auch den Einfluss des Regisseurs auf Kameraführung und der Bildkomposition seiner Filme. Auffällig war dieses Mal der häufigere Gebrauch von Lensflares, anstelle des dominant rötlichen Farbbilds von „Only God Forgives“ wird – wenig verwunderlich – vermehrt auf Neon-Farben und kalten Farbtönen im Allgemeinen zurückgegriffen. So bildet sich ein angenehmer Kontrast zu den beiden vorherigen Filmen des Dänen. Für die Filmmusik sorgt abermals Cliff Martinez, der mittels des elektrolastigen Soundtracks die Atmosphäre wunderbar abrundet.

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Um den Look zu kreieren, hat Refn zwei Monate nach anamorphotischen Objektiven gesucht und diese repariert.

Geradlinig und merkwürdig

Um die Story auf Papier zu bringen, hat sich Refn gleich doppelte Hilfe gesucht. Mary Laws und Polly Stenham standen dem Dänen bei der Entwicklung des Drehbuchs zur Seite. In diesem Bereich kann man die einzigen echten Kritikpunkte ausmachen: „The Neon Demon“ schafft es zwar den Zuschauer durchgehend visuell zu bannen, allerdings wirkt der 110 Minuten lange Film in manchen Passagen etwas schleppend. Die Story ist – wie bei Refn-Streifen nicht ungewöhnlich – relativ geradlinig, auch die Charakterentwicklungen machen Sinn. Ab und an hüpft der Thriller ins Surreale, bedingt durch Bilder und Musik, bietet somit auch Abwechslung. Im Mittelteil des Films findet man jedoch einige wenige Längen, sodass das Interesse am Storyverlauf etwas vergeht. Dennoch ist „The Neon Demon“ im Großen und Ganzen sehr unterhaltsam, alleine schon durch die erzeugte Atmosphäre.

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Etwas abrupt kommt Jesses Wechsel von schüchtern zu selbstbewusst.

The Neon Fazit

Fans von Nicholas Winding Refn kommen bei „The Neon Demon“ durchaus auf ihre Kosten. Bilder, Farben, Kameraführung und Soundkulisse sind erwartungsgemäß atemberaubend und lässt auch den größten Kritiker Tribut zollen. Die Leistungen der Darsteller, insbesondere Elle Fanning und Jena Malone, erhöhen den Unterhaltungsfaktor des Horror-Thrillers, ohnehin ist der Film großartig besetzt. Besonders hat mir gefallen, dass Refn sich etwas aus seiner Comfort Zone herausbewegt hat und seine Hauptrollen mit weiblichen Darstellerinnen (Pleonasmus-Alarm) besetzt hat.Das zeigt seinen Mut zum Experimentieren.

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Ich will aber nicht wissen, was Refn nachts träumt…

Abzüge in der B-Note gibt es bei Story und Pacing; jedoch ist der Schaden nicht so groß, wie er bei anderen Streifen wäre. In meiner persönlichen Refn-Rangliste nimmt „The Neon Demon“ den vierten Platz hinter „Bronson“, „Drive“ und „Only God Forgives“, allerdings ist der Abstand nicht groß. Mit weiteren Sichtungen könnte sich die Platzierung noch ändern.

 

8/10

 


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The Neon Demon (2016)

Horror, Thriller, Femdom

Regie: Nicolas Winding Refn

Buch: Nicolas Winding Refn, Mary Laws, Polly Stenham

Darsteller: Elle Fanning, Christina Hendricks, Keanu Reeves, Jena Malone, Abbey Lee, Bella Heathcote, Desmond Harrington, Jamie Clayton, Alessandro Nivola, Karl Glusman

Kinostart DE: 23.06.2016

Kinostart US: 24.06.2016

Die Rechte an allen verwendeten Grafiken in diesem Artikel liegen bei Koch Media

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Lennart Gotta