Reportage: „Man braucht Erfolgserlebnisse …“ – Lebensaufgabe Krebs

arzt

Hier mal ein etwas ernsteres Thema. Im Rahmen einer Semesterarbeit habe ich eine Reportage über den Alltag eines Onkologen geschrieben und möchte diese gerne mit euch teilen. Dafür habe ich einen Tag lang einen Onkologen in einer Hamburger Praxis begleitet. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

„Man braucht Erfolgserlebnisse …“ – Lebensaufgabe Krebs

Onkologen sind Ärzte, die sich mit dem Krebs befassen. Diese Krankheit ist nach all den Fortschritten in der Medizin immer noch eine Wissenschaft für sich, viele Krebsarten sind nur zum Teil oder gar nicht heilbar. Die Erkrankten und deren Angehörige müssen sich in den meisten Fällen mit Schmerzen und dem Tod auseinandersetzen. Doch selten wird die Sicht der behandelnden Ärzte thematisiert. Deren Alltag besteht neben Tumoren, Metastasen, Schicksalen und Gefühlen auch aus dem Tod. Im Mittelpunkt der Behandlung steht dabei immer der Mensch. 

Dr. Schneider* wippt nachdenklich in seinem schwarzen Drehstuhl vor und zurück, die Ellenbogen auf den Lehnen. Er beißt sich gedankenverloren auf die Lippe, schluckt, dann: „Mein schlimmstes Erlebnis war, als ein Bekannter mich letztes Jahr anrief und mir erzählte, dass er beim Segeln Schmerzen im Unterschenkel gespürt hat, dann habe man eine Thrombose festgestellt und schließlich einen Tumor in der Bauchspeicheldrüse …“, er hält kurz inne und blickt nachdenklich in sein Büro „mit Lebermetastasen. Dann hab ich mir das alles angeguckt und war schockiert. Ein paar Tage später rief er mich erneut an und wollte wissen, was denn nun los sei.“ Er solle mal vorbeikommen, damit die Situation unter vier Augen beredet werden kann, riet ihm Dr. Schneider. „Aber er musste es sofort wissen, hat mich dazu gedrängt. Nachdem er mich dann dermaßen in die Enge getrieben hat und fragte, wie lange er noch zu leben hätte, sagte ich ihm, alles zwischen sechs bis neun Monaten.“ Sein Bekannter erwiderte nur, dass es sich dann lohnen würde, die besten Rotweine zu trinken. Danach hat er nie wieder was von ihm gehört. „Ich habe versucht ihn noch mal anzurufen, aber hab das nicht geschafft. Er ist dann in den nächsten sechs sieben Monaten gestorben.“ Dr. Schneider blickt immer noch still in den Raum, er steht auf, nimmt sich die feinrahmige schwarze Brille von der Nase und putzt sie kurz. Dass ihn so etwas emotional mitnimmt ist ersichtlich. Aber die Fassung ist schnell wiedergefunden.

Dr. Schneider ist genau genommen Arzt für innere Medizin, Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie – im Volksmund Krebsarzt. Der 58-jährige ist das erste Kind einer Arztfamilie. Mit etwa 35 Jahren Praxiserfahrung gehört er zu den routinierteren Onkologen in Hamburg.

Montags um 8:30 beginnt die Woche, zunächst mit organisatorischen Angelegenheiten. Er sitzt entspannt auf seinem Drehstuhl, der Blick dem Computerbildschirm zugewendet. Auf dem hellbraunen Schreibtisch befinden sich nebst Tastatur, Monitor und Telefon geordnete Unterlagen sowie zwei gerahmte Fotos von den hübschen Töchtern mit Delphinen in einem Schwimmbecken. Davor die etwas erhöht liegende Fensterbank mit weiteren gerahmten Fotos der Familie, Frau und Kinder in der Mitte, auf der rechten Seite seine Mutter und auf der linken Seite sein Vater. Die weiße Wand zur Linken zieren Zertifikate seiner Fortbildungen aus dem In- und Ausland. Rechts von der Tür hängen fröhliche Bilder von den Töchtern, darunter ein fein gemalter roter Kanarienvogel auf azurblauem Hintergrund. „Aus der Zeit, als meine Töchter noch was für mich gemalt haben, jetzt gibt es eher Fotoarrangements“, merkt der Doktor mit einem Lächeln auf dem Gesicht an.

Dr. Schneider studiert konzentriert die Akte seines ersten Patienten. „Die digitale Dokumentation ist sehr wichtig. Jeder Arzt pflegt sie individuell, das Wichtigste sollte immer drinstehen. Das ist entscheidend für die Absprache untereinander.“

Dann um 8:45 Uhr der erste Termin. Bei dem Patient wurde vor zweieinhalb Jahren Krebs diagnostiziert, durch Chemotherapie ist er vollkommen geheilt. Nun geht es nur noch um die Nachsorge. Zunächst ein Ultraschall, dafür in einen kleinen kargen Raum. Der junger Mann, 44 Jahre alt, kurzes dunkles Haar, schmal gebaut, dazu eine feine Brille, sitzt auf der schwarzen Liege, der Blick abwesend Richtung Boden gerichtet, so wie ein jeder auf seinen Arzt wartet. Als der Doktor das enge Zimmer betritt strahlt er ihn mit wachen Augen an, die Wertschätzung steht ihm ins hagere Gesicht geschrieben. Auf Nachfrage von Dr. Schneider erzählt er von seinen derzeitigen Problemen und davon, was sich gebessert hat. Anschließend klopft der Doktor den Rücken und die Brust und horcht ihn mit seinem schwarzen Stethoskop ab, dabei immer wieder mit ganz beruhigender Stimme „jetzt tief Luft holen, anhalten… und wieder normal weiter atmen“. Noch ein Ultraschall, absolute Routine, zwischendurch etwas Smalltalk. „Alles in Ordnung“ bemerkt der Onkologe und schlendert Richtung Behandlungszimmer. Der junge Mann folgt Dr. Schneider in den hellen Raum mit zwei großen, quadratischen Fenstern und Blick auf ein gegenüber liegendes Hochhaus. Nach kurzer Rekapitulation des Behandlungsverlaufs betont der Doktor, dass alles gut aussehe und man sich in einem halben Jahr wiedersehen sollte. Der Patient stimmt kurz zu, steht auf und schüttelt seinem Arzt verhalten lächelnd die Hand. Er sieht zufrieden aus.

Dr. Schneider auch. „Das sind diese Erfolgserlebnisse, die man auch braucht und die einen sehr motivieren“ stellt er beiläufig im abgeklärten Ton fest. Nun müssen noch die Ergebnisse der Untersuchung feinsäuberlich im System dokumentiert werden, tipp-tipp-tipp, klick-klick-klick, ein kurzer Seufzer und fertig.

Die nächste Patientin kündigt sich an. Eine ältere Dame, sie hat fluktuierende Schmerzen, der Tribut des Brustkrebs. Sie betritt den Raum und antwortet auf die Frage nach dem Befinden etwas zittriger Stimme und Tränen im Auge, dass es nicht gerade gut geht. Sie spielt mit den Kartonausschnitten ihrer Medikamente herum, Dr. Schneider wendet sich ihr zu, weit vorgelehnt sitzend, die Arme verschränkt auf dem Tisch. Er strahlt völlige Entschlossenheit aus. Die Dame zählt ihre Beschwerden auf, kann sich langsam wieder beruhigen, mit aufgeregten Händen putzt sie sich die Nase. Der Doktor hört seiner Patientin aufmerksam zu, erwidert hier und da etwas in sanftem Ton, ein verzweifeltes Auflachen der Patientin. Schließlich bittet er sie auf die schwarze Liege in der Ecke des Raumes. Kurz die Hände waschen und desinfizieren, dann werden Rücken und Brust abgeklopft und abgehorcht mit dem schwarzen Stethoskop, welches er sonst lässig um den Hals baumeln hat. Beiläufig die Anmerkung „Wir kennen uns jetzt schon zehn Jahre“. Sie antwortet lächelnd: „Das erzähle ich auch immer wieder“.

Während Dr. Schneider die Anamnese aktualisiert, erzählt er von der Faszination für seinen Beruf. Er hatte schon immer eine Neigung zur Onkologie, fand das Fach interessant und herausfordernd. Während eines Austauschjahrs in London arbeitete er vier Monate in der Hämatologie und Onkologie. Danach stand fest, dass er diesen Schwerpunkt wählt. Spannend ist auch die momentane Entwicklung, viele neue Behandlungsmöglichkeiten haben sich durch die Entschlüsselung des genetischen Codes ergeben.

Der nächste Termin lässt auf sich warten, so ist etwas Zeit für Papierkram und Telefonate. Endlich kommt die Patientin in Begleitung ihrer Tochter. Sie sind von ihrem letzten behandelnden Arzt geflohen, jetzt legen sie ihre Hoffnung in die Hände von Dr. Schneider, er gilt als zielstrebig und menschlich. Die Mutter hat ein Magenkarzinom, durch die Chemotherapie sind ihr die Haare ausgefallen, deshalb trägt sie ein Kopftuch. Ihre Tochter übernimmt größtenteils das Reden, konsterniert berichtet die junge Dame mit mittelbraunen Haaren von ihren bisherigen Erlebnissen und den Beschwerden der Mutter. Wieder sitzt der Doktor entschlossen, aufmerksam zuhörend und notierend vor den beiden, versucht die Möglichkeiten und den weiteren Behandlungsweg aufzuzeigen. Er bittet die etwas ausgemergelte Mutter auf die Liege und reinigt erneut die Hände am daneben liegenden Waschbecken. Behutsam untersucht er die Frau, fragt einige persönliche Dinge, den Wohnort, das Herkunftsland, denn sie spricht nur gebrochen Deutsch. Anschließend wird der weitere Fahrplan besprochen, die Mutter will schon aufstehen und gehen, aber Dr. Schneider bittet sie ruhig und gelassen noch kurz dazubleiben für weitere Fragen. Die Tochter ist vollkommen überrascht: „Sonst werden wir immer gleich rausgeworfen.“ Beide fühlen sich sichtlich gut aufgehoben bei ihrem neuen Arzt.

Nach dem Termin fügt der Doktor stolz grinsend, dass er eine gute Quote habe bei der Patientenfluktuation, weniger als 5 % verlassen ihn als behandelnden Arzt. Dabei streicht er sich durch das kurz geschnittene weiße Haar, seine Augen wandern sinnierend durch den Raum.

Die Nachsorge der nächsten Patientin beginnt mit einem Ultraschall, anschließend wird die Rentnerin wieder behutsam abgehorcht. Ihr geht es gut, sie wirkt ziemlich fröhlich, offene Augen, immer ein kleines Lächeln auf den Lippen. Dr. Schneider erkundigt sich nach ihrem Sylt-Urlaub, die beiden kennen sich schon ein paar Jahre, sind miteinander vertraut. Er sieht die neuerliche Luftnot der Dame etwas kritisch, die Stirn mit leichten Denkfalten dabei hochgezogen, aber er lässt sich von ihr beschwichtigen. Sie will bald wieder Reisen.

Im Anschluss erzählt er von den Querelen mit den Krankenkassen und seinen Sorgen, da es noch nicht feststehe, was die Ärzte dieses Jahr verdienen werden. „Neben den privaten Kosten müssen auch die Mitarbeiter und Mietkosten für die Praxis bedacht werden“, merkt der Doktor mit Unmut in den Augen an.

Vor der Mittagspause dann noch ein schwieriger Fall. Glücklicherweise ist heute ein „verhältnismäßig ruhiger Tag“, deswegen kann er den Herrn dazwischen quetschen. Ein 64-jähriger Mann, sehr norddeutsch mit hanseatischem Akzent und grauem Pferdeschwanz, der ihn wie einen modernen Indianer aussehen lässt. Er wurde hingehalten vom Radiologen, musste lange auf das Ergebnis warten. Nun möchte er, dass alles schnell seinen Weg geht. Dr. Schneider merkt das, wirkt sehr forsch, telefoniert herum, um die Behandlung in Gang zu bringen. Kurze Untersuchung zwischendurch, dabei wird die Tätowierung des Patienten sichtbar. Wieder fragt er ein paar persönliche Dinge zwischendurch, immer sehr interessiert und in sanftem, leisem Ton. Das Reden übernimmt vorwiegend der Doktor, hier sieht er schnellen Handlungsbedarf, auch um den Mann zu beruhigen. Nebenbei wird dokumentiert, ein Phase der Stille, nur die Geräusche der Tastatur und anfahrender Autos und U-Bahnen von draußen. Dann: „Wahrscheinlich ist das eine Raumforderung, also ein Tumor, der von der Niere ausgeht.“ Der Patient wirkt besorgt, aber gefasst, ganz ruhig hört er sich das an. Dr. Schneider, möchte dem Herren die Schmerzen etwas nehmen, deswegen empfiehlt er, dass die Strahlentherapeuten sich der Sache annehmen. Er schildert langsam den weiteren Verlauf und die Medikamente. Der 64-jährige ist erleichtert, endlich hat er etwas Gewissheit und das Gefühl, dass etwas passiert.

„Das Erstgespräch ist absolut entscheidend für die Beziehung von Arzt und Patient“, meint der Doktor anschließend. Sowieso sei er Ansicht, dass man als Onkologe eine Mischung aus fachlichen und menschlichen Fähigkeiten benötige. Beim Überlegen streicht er sich immer wieder über das glattrasierte, kantige Gesicht.

Noch zwei schnelle Termine zur Nachsorge, eine alte Frau und ein Mann mittleren Alters, kurze Untersuchungen. Der Mann hat schon seit sieben Jahren Lungenkrebs, fühlt sich aber großartig und fährt viel Fahrrad. Er lacht immer wieder mit hellen Augen, wenn er von den vorgeschlagenen Behandlungswegen anderer Onkologen erzählt. Bei Dr. Schneider ist er „bestens aufgehoben“.

13 Uhr – endlich Mittagspause. „Das gibt es auch nicht so häufig, da kann ich mich mal ein bisschen hinlegen und das Telefon ausmachen“, plaudert der Doktor fröhlich. Nach eigener Aussage schafft er sich aber zu wenig Ausgleich vom Beruf, lediglich das allwöchentliche Schauen der Bundesliga-Konferenz hat seine Routine. „Sport mach ich eigentlich nicht, ich interessiere mich für Kunst und reise ganz gerne.“ Einfach mal in ein Kloster für ein paar Wochen, das wäre super.

Zwei Stunden später geht es weiter. Die ersten drei Patientinnen des Nachmittags sind schnell behandelt, sie haben ihre Krebsleiden erfolgreich bekämpft und besuchen Dr. Schneider nun zur Nachsorge. Alle drei Damen sind mit den bisherigen Resultaten zufrieden und dementsprechend guter Dinge.

Zwischen den Terminen bleibt immer wieder Zeit für Organisatorisches, ein Memo an die Mitarbeiter muss angefertigt werden. Dr. Schneider hat durch eine Fortbildung im Qualitätsmanagement diesen Job aufgehalst bekommen. Ein müdes Gähnen entgleitet ihm, wohl die Folgen der Montagsmüdigkeit und des Mittagsschlafes. Die Computerarbeit macht ihn sichtlich müder, seine Körperhaltung wirkt immer gebeugter und erschöpfter. Noch mal schnell einen Kaffee holen, bevor der nächste Patient eintrifft.

Mittlerweile ist es schon 17.20 Uhr, als der letzte Patient eintritt. Ein 74-jähriger Herr, der bereits wegen Harnblasen- und Prostatakrebs bestrahlt wurde, nun wurde ein Tumor im Becken gefunden. Dr. Schneider sieht sehr besorgt aus, als sich der Mann und dessen Frau auf die schlichten, schwarzen Holzstühle setzen, die Stirn in Falten gelegt, wieder weit vorgelehnt im Drehstuhl. „Bei zu viel Bestrahlung in einem zu kurzen Zeitraum besteht die Gefahr, dass das Gewebe dauerhaft zerstört wird“, erklärt er dem Ehepaar. Der Mann merkt heiser an, dass er Bluter ist, seine papierähnlichen Hände zittern schwach. Der Doktor schaut vertieft in die vorliegenden Akten, dabei wippt er einen Kugelschreiber in der rechten Hand unruhig umher, der Blick ernst und entschlossen. Er beschreibt langsam die Optionen und weist darauf hin, dass es nicht einfach wird, aber man mit einer Bestrahlung wohl am besten fahren würde, die sei verträglicher im Vergleich zu einer Chemo. Der sichtlich mitgenommene Patient steht zuerst auf, jetzt sieht man, wie dünn er ist. Seine Frau folgt ihm nach der Verabschiedung, sehr besorgt aufgrund des Bevorstehenden.

Sterbehilfe befürwortet Dr. Schneider nur in passiver Weise, also Schmerzmedikation und Unterlassung im Zweifelsfall, alles andere widerstrebt seinen Prinzipien.

Am Abend fällt ihm noch ein Highlight der letzten Jahre ein. „Da war mal eine im sechsten Monat schwangere Frau. Man entdeckte einen aggressiven Tumor in der Brust. Das war ein ziemliches Problem. Zunächst wurde operiert, dann eine spezielle Chemotherapie gemacht“, sein Blick wandert wieder in Gedanken durch den Raum, zurückgelehnt im Drehstuhl. „Nach den ersten paar Zyklen hat sie vorzeitig entbunden und einen strammen Jungen zur Welt gebracht.“ Er gluckst kurz, ein Lächeln huscht ihm über das Gesicht. „Die Frau hat das ohne Probleme weggesteckt und zwei Jahre später kam sie dann mit diesem strammen Jungen bei mir in der Praxis vorbei …“, der Doktor hält beim Gedanken an dieses Erfolgserlebnis inne: „Das war echt toll.“

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Lennart Gotta