Zum Stellenwert von Storytelling in modernen Videospielen

losbi

Als Kind der späten 80er bin ich in einer absolut glorreichen Zeit aufgewachsen. Zum sechsten Geburtstag wurden mit der feierlichen Überreichung meiner ersten Spielkonsole (ein Sega Mega Drive, was sonst?) mein frühzeitiger Abschied aus dem sozialen Zirkus und mein Einstieg in die wunderbare Welt der Videospiele besiegelt. Neben meinem Sega habe ich natürlich auch den heimischen PC für die persönliche Freizeitgestaltung beschlagnahmt. Zu den Titeln an die ich mich auch knapp 20 Jahre später noch voller Nostalgie erinnere gehören „Baphomets Fluch“, „Baphomets Fluch 2“, „Day of the Tentacle„, „Indiana Jones and the Fate of Atlantis„, „Monkey Island 1+2+3“ und zahlreiche andere Klassiker. Wer sich ein wenig mit den Spielen dieser Ära auskennt wird merken, dass es sich bei meinen genannten Favoriten ausschließlich um sogenannte Point&Click-Adventures handelt. Ein leider fast ausgestorbenes Genre, das sich auf simple, handgemachte 2D-Grafik und eine interessante und spannende oder kreative und witzige Story verlässt. Die Teile der „Monkey Island“-Serie zum Beispiel sind bis heute für ihren cleveren Humor bekannt und haben bei vielen Spielern aller Altersklassen längst Kultstatus erreicht.

BaphometsFluchDC_iPad_11

Aah..Paris in the Fall..

Mit der immer stärker werdenden Technologie und der Konsolengeneration um Sonys erste Playstation ging der Trend in eine neue Richtung. Das größere Aufsehen wurde nun von Spielen wie Tomb Raider (Action-Adventure), Resident Evil (Horror), Tekken (Beat ‚em Up) oder Crash Bandicoot (Jump’n’Run) erregt. Spiele, die ihren Appeal nicht vordergründig in einer ausgeklügelten Narrative, sondern vielmehr in innovativem Gameplay, spektakulärer Präsentation oder einem ausgefallenen Setting hatten. Die Kunst des Storytellings wurde nicht komplett aus dem Videospiel-Sektor verbannt, geriet aber in eine immer kleiner werdende Nische.

Knapp 18 Jahre nach dem europäischen Release von Sonys erster Playstation steht uns in wenigen Monaten das aktuellste Kapitel des „Konsolenkriegs“ bevor. Die Hauptakteure, die seit Monaten in der Fachpresse behandelt und durchleuchtet werden, sind Sonys Playstation 4 und Microsofts Xbox One. Ein kurzer Blick auf die Präsentationen der neuen Spiele und Konsolen zeigt, dass sich die thematische Evolution der Videospiele in der selben Schiene fortgeführt hat. Titel wie „Killzone: Shadow Fall„, „Ryse: Son of Rome“ und „Battlefield 4“ bestechen durch hochpolierte und grafisch ansprechende Videos und Trailer.

Parallel zum Aufstieg der großen Franchises wie „Call of Duty“ oder „Need for Speed“ gibt es allerdings noch eine andere Entwicklung, die mich persönlich sehr glücklich stimmt. Und zwar ist die Nische für intelligentes und von der Narrative getriebenes Gameplay wieder um Einiges größer geworden. In den letzten 5 Monaten sind zwei Spiele herausgekommen, die sich derzeit ein enges Rennen um meine persönliche Nummer 1 des Jahres liefern.

Bioshock: Infinite ist der dritte Teil der Bioshock-Serie und einfach nur eine Wucht. Beworben als ein First-Person-Shooter übersteigt das Spiel schon sehr früh die Definition eines hübschen aber dumpfen Shooter-Spiels. Wir haben zwei interessante und vielschichtige Charaktere, einen mysteriösen Antagonisten und mit Columbia, der Stadt über den Wolken, eines der kreativsten Settings der Videospiel-Geschichte. Es werden Themen wie Religion, Fanatismus, und Schicksal in ein großes Rätsel verpackt, das am Ende die Synapsen um Einiges mehr anstrengt als Filme à la „Inception“ oder „Matrix“.

Im Juni 2013 kam „The Last of Us“ unter großem Jubel der Presse und des Internets auf die PS3 und trieb das Videospiel als Solches weiter in eine (meiner Meinung nach) gute Richtung voran. 20 Jahre nach dem Ausbruch eines tödlichen und hochgradig ansteckenden Virus haben sich die Reste der menschlichen Zivilisation in Gruppen zusammengetan und versuchen, in einer zerstörten Welt zu überleben. Aufgabe des Protagonisten Joel ist es, die Teenagerin Ellie sicher durch die halbe USA zu eskortieren und vor den zahlreichen lauernden Gefahren zu beschützen. Neben den klassischen Elementen eines Horror/Survival-Spiels entfaltet sich im Laufe der Handlung auch eine bisher in Spielen nur selten gesehene, menschliche Komponente. Diese ist es letztendlich auch, die das Spiel von anderen Titeln des Genres abhebt und es zu einem der besten Stücke des Jahres macht. Nicht selten ruft „The Last of Us“ Erinnerungen an den großartigen „Children of Men“ vor, in dem Alfonso Cuarón das Thema des drohenden menschlichen Exitus perfekt inszeniert. Eine Leistung, die ich von einem Videospiel nie erwartet hätte.

Auch die nähere Zukunft sieht rosig aus.
Im Herbst 2013 erscheint der mittlerweile sechste Ableger der „Assassin’s Creed“-Reihe, die Spielern dank ihrer innovativen Struktur und akkuraten historischen Hintergründe seit Jahren anspruchsvolle Geschichtslektionen erteilt und einige moderne Klassiker enthält. Vor allem die epische Geschichte des Ezio Auditore, die sich über insgesamt drei Spiele erstreckt, ist ein unvergessliches Beispiel für eine erstklassig geschriebene Storyline.
Anfang 2010 ist das PS3-Spiel „Heavy Rain“ veröffentlicht worden. Ein interaktiver Krimi über Serienmörder, Privatdetektive und entführte Kinder, der sich bei Publikum und Kritikern großer Beliebtheit erfreut hat. Die Entwickler von „Heavy Rain“ treiben es in ihrem nächsten Projekt noch weiter, denn auf dem Cover von „Beyond: Two Souls“ wird erstmals die Teilnahme zweier populärer und überaus fähiger Hollywood-Schauspieler angekündigt. Ellen Page und Willem Dafoe konnte man sowohl für das Voice-Acting im Spiel als auch das Motion Capturing ihrer Figuren verpflichten. „Beyond: Two Souls“ ist außerdem das zweite Videospiel (nach Rockstars „L.A. Noire“), das in New York im Rahmen des Tribeca Film Festivals präsentiert wurde.

244368Die Eindrücke der letzten Monate sowie die Aussichten für die Zukunft stimmen mich überaus zuversichtlich, dass der Trend der anspruchsvollen und vielseitigen Videospiele sich auch weiterhin fortsetzen wird. Titel wie „Bioshock: Infinite“ und „The Last of Us“ sind Musterbeispiele für das Umsetzen von frischen und guten Ideen und haben ein großes Publikum gefunden und zufrieden gestellt. Der nächste Meilenstein steht mit „Beyond: Two Souls“ ins Haus, das sich in bisher ungesehenem Rahmen an schauspielerischem Talent bedient. Und wer weiß, vielleicht gehört die Verpflichtung namhafter Schauspieler schon bald fest zur Videospielwelt. In einer Zeit in der die Kinos immer mehr von flachen und gedankenlosen Sequels und anderweitig uninteressanter Fließband-Ware dominiert werden kann ich es ihnen jedenfalls nicht verdenken.

Mein ganz persönliches kleines Highlight am Ende des Jahres wird jedoch eine offizielle (und absolut überfällige) Fortsetzung zur „Baphomets Fluch“-Reihe werden, die durch Kickstarter finanziert wurde und endlich die vertrauten 2D-Grafiken zurück auf den heimischen Bildschirm bringt. Bei all dem Pomp der neuen Konsolen-Generation und andauernden (R)Evolution der Spielebranche darf man schließlich nicht vergessen, woher man kommt.

7 comments to Zum Stellenwert von Storytelling in modernen Videospielen

  • Lodae  sagt:

    Stimme soweit zu. Als alter Sprachnazi (warum kennt mein Telefon dieses Wort nicht? ) würde ich aber darauf bestehen, dass man das Computerspiele und nicht Videospiele nennt.

    • Timo Löhndorf  sagt:

      Guter Punkt, aber dann beschweren sich ja die ganzen Konsoleros wieder 🙂

  • Leif Eggers  sagt:

    Gebe ich dir Recht, allerdings ist Nostalgie auch immer an den damaligen Stand der Technik gebunden. Meist ist man durch erneuetes spielen nach Jahre enttäuscht.

    • Timo Löhndorf  sagt:

      Das stimmt natürlich, die Erfahrung habe ich auch schon einige Male gemacht. Zuletzt mit dem klassischen Diablo.

    • Lennart Gotta  sagt:

      Also ich hab in den letzten 2 Jahren öfter mal wieder meine Lieblingsklassiker gespielt (hauptsächlich LucasArts/Ron Gilbert, also Indiana Jones, Day of the Tentacle, Monkey Island, Maniac Mansion, etc. pp) und bin immer noch vollkommen von den Dingern begeistert. Der Spielspaß hängt nicht zwangsläufig mit der Technik zusammen (siehe z.B. Shenmue), sondern oftmals mit der Story und den Charakteren. Das predigen Timo und ich ja auch immer wieder…

      • Timo Löhndorf  sagt:

        Bei den ganz alten Stücken (also den P&C-Adventures) stimmt das auch, aber Spiele aus der PS1/PS2-Ära oder wie gesagt Diablo altern leider etwas schlechter.

        Geht halt Nichts über LucasArts, they don’t make ‚em like they used to.

      • Lennart Gotta  sagt:

        Talking about LucasArts: They don’t make ‚em at all anymore…

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Timo Löhndorf