Enemy

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Wann habt ihr das letzte Mal einen Film gesehen, der euch zunächst perplex und irgendwie fasziniert aus dem Kino geschickt hat? Wie lange ist es her, dass ihr nach einer Erstsichtung direkt ins Internet gerannt seid, um euch die Meinungen, Theorien und Analysen der anderen Zuschauer durchzulesen?

Damit meine ich nicht Filme wie „Inception“, die ihre übertrieben simple Handlung durch erzählerische und technische 360°-Kurven unnötig aufblasen und die Illusion von geistigem Anspruch erzeugen. Die Rede ist von den surrealistischen Meisterwerken von David Lynch („Lost Highway“, „Mulholland Dr.“) oder cineastischen Puzzle-Boxen wie „Donnie Darko“ oder dem Zeitreise-Wirrwarr „Primer“.

Auch bekannt als "Der beste Zeitreise-Film aller Zeiten".

Auch bekannt als „Der beste Zeitreise-Film aller Zeiten“.

In Deutschland startet heute, am 22. Mai, endlich wieder ein Film, der diesem Titel voll und ganz gerecht wird. Der kanadische Regisseur Denis Villeneuve („Prisoners“, „Incendies“) schickt mit „Enemy“ einen Film ins Rennen, der seine eigentliche Bedeutung in einem cleveren Rätsel verbirgt.

In „Enemy“ geht es um den Geschichtslehrer Adam (Jake Gyllenhaal), dessen Leben durch eine schockierende Entdeckung aus den Fugen gerät. Adam ist ein weitgehend unauffälliger Typ, neben seiner Arbeit und dem lustlosen Sex mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurent) in einem ebenso lustlos eingerichteten Apartment passiert in seinem Leben nicht viel. Der Wendepunkt kommt, als Adam sich einen Film ansieht und darin seinen exakten Doppelgänger entdeckt. Nach einer kurzen Recherche macht Adam seinen Doppelgänger Anthony (Jake Gyllenhaal) ausfindig und konfrontiert ihn.

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Die Basis des Films und das, was dem Zuschauer unmittelbar auffällt, ist der visuelle Stil des Films. Der Schauplatz Toronto wird in ein fahles und kränkliches Gelb getaucht und es ist ohne jeden Zweifel klar, dass hier etwas nicht stimmt. „Enemy“ wird von einem permanenten Unterton durchzogen, der eine unbehagliche, stellenweise sogar gruselige Stimmung hervorruft. Trotzdem ist es kein Horrorfilm im klassischen Sinne, vielmehr ein eindringlicher Psycho-Thriller, der sich in der komplizierten Gedankenwelt eines Menschen abspielt.

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Getragen wird der Film von der erstklassigen Performance Jake Gyllenhaals, der hier als Adam und Anthony meiner Meinung nach die beste Leistung seiner Karriere an den Tisch bringt. Neben Adam und Anthony ist Anthonys schwangere Frau Helen das wichtigste Element der Geschichte. Auch sie wird von Sarah Gadon brillant verkörpert und liefert in ihren Szenen wichtige und trotzdem sehr subtile Hinweise auf das eigentliche Thema von „Enemy“.

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Nach 90 Minuten findet das pointierte und präzise Drehbuch schließlich ein Ende, das in diesem Review als „the scariest ending to any film ever made“ bezeichnet wird. Ohne zu viel zu verraten, kann ich mich dieser Einschätzung ruhigen Gewissens anschließen. Der wirkliche Reiz von „Enemy“ entfaltet sich allerdings erst nach dem Verlassen des Kinosaals, wenn das Gehirn des geneigten Zuschauers auf Hochtouren läuft, um das Gesehene sinnvoll zu verarbeiten. Das anfänglich eingeblendete Zitat aus der Buchvorlage ist hier Gesetz:

Chaos is order yet undeciphered.

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„Enemy“ ist mitnichten ein Film für ein breites Publikum. Der Kinogänger, der sich ausschließlich zur Berieselung und Unterhaltung im Saal einfindet, wird hier gnadenlos auf der Strecke gelassen. Für den anspruchsvollen Cineasten dürfte „Enemy“ sich hingegen als einer der besten Filme der ersten Halbzeit des Jahres herausstellen. Ein schwer verdauliches Mahl, das dafür umso besser schmeckt und einer der wenigen Filme der letzten Jahre, die auch lange nach der Sichtung noch präsent sind.

9/10


 

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Enemy

Mystery, Thriller

Regie: Denis Villeneuve

Buch: Javier Gullón, José Saramago (Buchvorlage)

Darsteller: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Sarah Gadon

Kinostart DE: 22.05.2014

Kinostart US: 14.03.2014 (limited release)

2 comments to Enemy

  • turmzimmerblog  sagt:

    Sehr gute Review, hat mir auf jeden Fall Lust auf den Film gemacht, leider läuft er in meiner Nähe schon nicht mehr im Kino. Prisoners war genial und Source Code, an den mich der Trailer ein bisschen erinnert hat, fand ich ebenfalls ziemlich gut. Es scheint so als hätte Jake Gyllenhaal immernoch Gefallen am Thriller Genre, er passt jedenfalls gut in diese Art von Film.

  • Timo Löhndorf  sagt:

    Vielen Dank, freut mich dass ich einen potentiellen Zuschauer gewinnen konnte! Der Film kommt leider erst am 10. Oktober ins Heimkino, also wirst du dich wohl noch etwas gedulden müssen 🙁
    Was Gyllenhaal angeht stimme ich absolut zu, zwischen „Donnie Darko“ und „Enemy“ gehört er für mich zu den besten Schauspielern seiner Generation.

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Timo Löhndorf