Zeit der Kannibalen

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Erst kam „Metropolis“, dann „Manta, Manta“, seitdem wurde es still um die deutschen Beiträge zu den internationalen Meilensteinen des Kinos. Eine clevere und bissige Satire namens „Zeit der Kannibalen“ möchte diesen Missstand korrigieren und schickt sich an, das deutsche Kinoerbe um ein Stück zu bereichern, das auch über unsere Grenzen hinaus relevant ist.

Frank Öllers (Devid Striesow) und Kai Niederländer (Sebastian Blomberg) sind alte Hasen wie sie abgebrühter kaum sein könnten. Die beiden Geschäftsmänner mit der herrlich schwammigen Position des Beraters jetten seit Jahren im Namen der „Company“ durch die entlegensten Orte des Globus um die Profitmarge ihrer Kunden bis auf den letzten Tropfen auszureizen. Welche moralischen und ethischen Grundsätze sie dabei in Grund und Boden stampfen müssen, ist auf deutsch gesagt scheißegal.

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Unstimmigkeiten, Neid, Zorn und eine leichte Panik machen sich im Reich der Schlipsträger breit, als ihr Kollege Hellinger überraschend zum Partner der „Company“ ernannt wird. Zu allem Überfluss wird dieser von der jungen und ambitionierten Bianca März (Katharina Schüttler) ersetzt, die von den Veteranen das Handwerk erlernen soll und dabei Gefahr läuft, die isolierte und auf Geld fixierte Gedankenblase der beiden Berater zum Platzen zu bringen.

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Die Anfangsszene stellt ohne Zweifel klar, in was für einer Welt sich der Film abspielt. Öllers und Niederländer lassen sich zu einem Meeting mit einem indischen Geschäftsmann nieder und überzeugen ihn kurzerhand, seine Produktion ins benachbarte Pakistan zu verlegen, schließlich sind die Arbeitskräfte dort billiger und viel leichter auszubeuten. Die instabile Beziehung zwischen den beiden Nationen und die möglichen Konsequenzen einer derart bedenklichen Entscheidung werden dabei auf eine zu vernachlässigende Hürde reduziert.

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Auch neben den zahlreichen und kompetent formulierten Seitenhieben auf eine von Gier regierte Welt hat die Satire allerhand zu bieten. Unter dem metaphorischen Prinzip des Kannibalismus behandelt der Film nicht nur eine reiche aber moralisch bankrotte Welt, sondern auch den seelischen Verfall seiner Protagonisten. Sei es die Vernachlässigung der eigenen Familie, des eigenen Körpers oder des sozialen und kulturellen Umfeldes, der Preis, den die Protagonisten des Films bezahlen ist deutlich, und er ist hoch.

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Die clevere Inszenierung des Regisseurs Johannes Naber beschränkt sich dabei auf ein einzelnes Set eines edlen aber sterilen Hotels und nimmt somit die Form eines Kammerspiels an. Die wichtigsten und sehr effektiv eingesetzten Ressourcen des Films sind das pointierte Drehbuch aus der Feder von Stefan Weigl und die Leistungen der drei zentralen Schauspieler, die den Film souverän schultern.

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„Zeit der Kannibalen“ ist eine erfrischende Satire, die mit einigen relevanten, kraftvollen und subtil formulierten Kommentaren zum Status Quo unser Gesellschaft und einem trockenen, bissigen Humor aufwarten kann. Besonders gut gefiel mir auch das nahezu optimale Ende der Geschichte, das sich ausschließlich im Subtext abspielt und eine interessante Konsequenz der desolaten Seelenwelt der Geldgeier dieses Planeten aufzeigt.

8,5/10


 

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Zeit der Kannibalen

Drama

Regie: Johannes Naber

Buch: Stefan Weigl

Darsteller: Devid Striesow, Sebastian Blomberg, Katharina Schüttler

Kinostart DE: 22.05.2014

Kinostart US: kein Kinorelease

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Timo Löhndorf