Konzertbericht: Neutral Milk Hotel / Berlin, Postbahnhof

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Analog zu meinen besten Kinoerlebnissen würde es mir sicher leicht fallen, eine ähnlich lange Liste für Konzertbesuche zu erstellen. In den letzten Jahren konnte ich in den schmutzigen Kellern und großen Arenen des Landes einige der großartigsten und wundervollsten musikalischen Darbietungen erleben. Unvergessen sind die Hitzeschlacht in der Großen Freiheit, die von Stone Sour untermalt wurde, die Perfektion und Hingabe eines der womöglich letzten Konzerte von Porcupine Tree, der riesige Schimären-Dildo, der die Bühne von Tenacious D schmückte oder der Pomp, den Muse mit ihrer Uprising-Tour auf die Fans losgelassen haben. Genau wie der Besuch eines Lichtspielhauses kann auch der Besuch eines Konzertes Geschichten schreiben, die sich fest ins Gedächtnis brennen.

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Neutral Milk Hotel ist eine amerikanische Band, die sich irgendwo zwischen psychedelischem Folk und Indie-Pop eingenistet hat. Ihre Blütezeit erlebte die Gruppe Mitte und Ende der 90er, als sie neben einigen EPs auch die Alben „On Avery Island“ und „In the Aeroplane Over the Sea“ veröffentlichte. Letzteres entwickelte sich in den Jahren nach seiner Veröffentlichung zu einem der womöglich einflussreichsten Alben der letzten Jahrzehnte, während die Band selbst sich in einen Winterschlaf verabschiedete.

What a beautiful face I have found in this place
That is circling all round the sun
What a beautiful dream that could flash on the screen
In a blink of an eye and be gone from me
Soft and sweet
Let me hold it close and keep it here with me

Dank eines unverhältnismäßig frühreifen und kultivierten Mitschülers (Hallo Simon!) wurde ich in meiner Schulzeit auf Neutral Milk Hotel aufmerksam. Der einmalige Sound und die unendlich tristen, melancholischen aber trotzdem fantasievollen Lyriken der Band, die ihre Stücke größtenteils in Garagen und Wohnzimmern aufnahm, fraßen sich ohne großen Umweg in meinen Kopf und die Musik von Neutral Milk Hotel wurde zu einem großen, definierenden Teil meiner Jugend und meines Verständnisses für das Potential der Musik. Gleichzeitig war die Truppe um Anführer und Mastermind Jeff Mangum immer ein Geist aus der Vergangenheit, schließlich galten sie bereits lange bevor sie in meiner Musiksammlung landeten als inaktiv.

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Wie aus dem Nichts erhoben sich die Vorreiter der modernen Indie-Musik aus dem Grab und kündigten 2013 nicht nur ihre Wiedervereinigung, sondern gleich eine Tour an. Plötzlich wurde eines meiner am sehnlichsten erhofften Konzerte etwas weniger unmöglich und spätestens nach der Ankündigung eines Gigs in der deutschen Hauptstadt brachen alle Dämme und die Vorfreude stieg mit jedem Tag weiter an. Nach monatelangem Warten war der 5. August 2014 endlich da und der Enthusiasmus wich einer perplexen Ungläubigkeit. Schließlich passiert es nicht all zu oft, dass man vor einer Bühne steht und die totgeglaubten musikalischen Helden der eigenen Jugend erwartet. Mit einem schüchternen Winken betrat Jeff Mangum, gefolgt von seinen vier Kollegen die Bühne des Berliner Postbahnhofes. Sekunden später füllten die selben Takte, die damals das ikonische „In the Aeroplane Over the Sea“-Album eröffneten, den Saal und ein Jahre alter Traum wurde in die Wirklichkeit gerissen.

And this is the room one afternoon I knew I could love you
And from above you how I sank into your soul
Into that secret place where no one dares to go

Neutral Milk Hotel war nicht länger ein Geist aus der Vergangenheit, sondern eine quicklebendige Präsenz, die sich vor meinen Augen auf der Bühne entfaltete. Mit einer bittersüßen Dynamik wechselten sich bedächtige, gefühlvolle Songs wie „Two-Headed Boy“ mit der puren kinetischen Energie eines „Naomi“ oder „Song Against Sex“ ab und nicht zuletzt dank der ausdrücklichen Bitte, auf Video- und Fotoaufnahmen zu verzichten, lockerte sich die Verbindung zwischen Band und Publikum zu keiner Zeit. Genau wie die Alben der Band ist die Live-Performance ein buntes, rundes und einmaliges Erlebnis, das einen gleichzeitig unermesslich glücklich, profund traurig und vor allem lebendig macht.

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Es ist schwer, die emotionale Energie eines guten Konzerterlebnisses in Worte zu fassen, bei einer ikonischen und beinahe mystischen Band wie Neutral Milk Hotel ist es unmöglich. Das Gefühl, die eigenen Lieblingssongs, die über die Jahre zum Teil der Persönlichkeit geworden sind, aus vollen Rohren und Lungen live gespielt zu sehen und zu hören ist schlichtweg unbeschreiblich.

Two-headed boy, she is all you could need
She will feed you tomatoes and radio wires
And retire to sheets safe and clean
But don’t hate her when she gets up to leave

Ein Meilenstein.

Setlist

The King of Carrot Flowers Part One
The King of Carrot Flowers Parts Two & Three
Holland, 1945
A Baby for Pree / Glow Into You
Gardenhead / Leave Me Alone
Everything Is
Two-Headed Boy
The Fool
In The Aeroplane Over The Sea
Naomi
Ferris Wheel on Fire
Oh Comely
Song Against Sex
Ruby Bulbs
Snow Song, Part One

Ghost
[untitled]
Two Headed Boy Part two
Engine

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Timo Löhndorf