Guardians of the Galaxy

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Über das Marvel Cinematic Universe (oder kurz MCU) kann man was sagen was man will. Es ist allerdings nur schwer zu bestreiten, dass eine neue Ära des Kinos eingeläutet wurde, seit Robert Downey Jr. und der Dude sich anno 2008 Roboter-Anzüge anzogen und sich gegenseitig weichklopften. Was noch 10 Jahre vorher undenkbar war, wurde Wirklichkeit. Comic-Verfilmungen sind endgültig salonfähig geworden und nicht nur das, sie stellten sich in den folgenden Jahren als eine der sichersten Investitionen für Filmstudios heraus. Doch mit Ausnahme von „The Avengers“, in dem Joss Whedon das Künststück vollbrachte, eine ganze Riege von Egomanen und Außenseitern unter einen Hut zu bringen und ein regelrechtes Spaßfest daraus zu machen, blieben seit „Iron Man“ die filmischen Meilensteine aus. Die „Thor“-Filme und der erste „Captain America“ (den Zweiten habe ich noch nicht gesehen) waren größtenteils uninspiriert und brachten nur vereinzelt frischen Wind in den roten Faden der Marvel-Filme. Zu oft mangelte es den Filmen zudem an Eigenständigkeit und vor allem „Thor 2“ und „Iron Man 2“ fühlten sich eher wie Klebstoff an, dessen Ambition nicht darüber hinausging, bloß ein Teil eines Ganzen zu sein.

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In „Guardians of the Galaxy“ verabschiedet Marvel sich zumindest temporär von den Goldeseln Iron Man, Thor und Konsorten und schickt ein Team aus komplett frischen Charakteren ins Rennen. Im Zentrum des Quintetts steht Peter Quill (Chris Pratt), ein Erdenjunge der 80er Jahre, der seinen Planeten in einer der dunkelsten Stunden seiner Kindheit hinter sich ließ und nun ein Leben als langfingriger Outlaw mit dem selbstverliehenen Namen Star-Lord fristet, stets auf der Suche nach dem nächsten Artefakt, das nicht festgenagelt ist. Sein neuster Fang, eine rätselhafte Kugel, schickt ihn auf Kollisionskurs mit der halben Galaxie und schließlich ins Gefängnis, wo er auf eine Handvoll ähnlich dubioser Gestalten trifft. Nach anfänglicher Irritation bildet er mit seinen Mitgefangenen eine Allianz, bestehend aus der tödlichen und auffallend grünen Gamora (Zoe Saldana), dem wenig eloquenten Baum Groot (Vin Diesel), der lebendigen Kampfmaschine Drax (Dave Bautista) und natürlich dem cholerischen, waschbär-ähnlichen Experiment Rocket (Bradley Cooper). Zusammen entdecken die Fünf die Wahrheit hinter der begehrten Kugel und versuchen, sie von den Händen des mörderischen Tyrannen Ronan (Lee Pace) fernzuhalten.

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Im Jahr 2010 erschien, abseits vom allgegenwärtigen Superhelden-Wahn, der das Mainstream-Kino fest im Griff hatte, ein kleiner, schmutziger und unkonventioneller Film, der bis heute das perfekte Gegenstück zu besagtem Wahn bildet. In „Super“ geht es um den unscheinbaren Frank, der rot sieht, nachdem ein Drogendealer seine Frau ausspannt. Er zieht sich ein selbstgenähtes Kostüm an, nennt sich „The Crimson Bolt“ und zieht des nachts durch die Straßen, um Verbrechen und sonstiges Fehlverhalten mit seiner getreuen Rohrzange prompt zu bestrafen. Anders als sein thematischer Kollege „Kick-Ass“ stößt „Super“ dabei in düstere und bizarre Abgründe herab, schließlich ist es einer der wenigen Filme, der einen psychisch zutiefst gestörten Protagonisten auf seine Zuschauer loslässt. Erzählt wurde die Geschichte des purpurnen Rächers vom amerikanischen Regisseur James Gunn, der bis dato mit dem ebenso ekligen wie spaßigen Horrorfilm „Slither“ nur einen weiteren Spielfilm auf seiner Vita hatte.

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Mit der Verfilmung von „Guardians of the Galaxy“ traf Marvel wohl eine der mutigsten Entscheidungen überhaupt und ging ein nicht zu unterschätzendes Risiko ein. Nicht nur entschlossen sie sich, in eine komplett neue (und überaus ungewöhnliche) Welt der Comic-Vorlagen hervorzustoßen, sie setzten mit James Gunn einen Regisseur und Drehbuchautor an die Zügel, der nicht nur durch seinen eigenwilligen und aufmüpfigen Stil, sondern auch durch seinen Mangel an Erfahrung mit Big-Budget-Produktionen auffiel. Doch wie schon in der Vergangenheit mit der Besetzung von kreativen Köpfen wie Jon Favreau und Joss Whedon erweist sich Marvels Human Ressources-Abteilung als eine der größten Stärken des Franchises. Marvels neuster Streich ist nicht nur ein komplett eigenständiger Film, der sich nahtlos in die bestehende Mythologie einreiht, er ist auch ein Glanzbeispiel für die Möglichkeiten des millionenschweren Blockbuster-Kinos.

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„Guardians of the Galaxy“ bildet nach „The Avengers“ den zweiten Kandidaten im MCU, der ein Ensemble-Stück ist. Und das Ensemble ist, um es mit einem Wort auf den Punkt zu bringen, perfekt. Chris Pratt gibt den klassischen Dieb mit Herz aus Gold mit einer unerschöpflichen Ausstrahlung und einer Gewitzheit, die einem Han Solo in Nichts nachsteht. Zoe Saldana freut sich sichtlich darüber, dass sie nach ihren Einsätzen in den beiden „Star Trek“-Filmen endlich wieder Einfluss auf die Handlung eines Films nehmen darf und dankt diese Tatsache mit ihrer bislang besten Performance. Die übrigen drei Akteure sind die wirklichen Überraschungen. Vin Diesels Groot ergänzt das Team trotz seines extrem limitierten Vokabulars um eine ungeahnte Präsenz und bringt eine wohltuende Balance. Dave Bautista lässt seine Wurzeln als Profi-Wrestler schnell vergessen, als Drax steuert er neben einer Tonne Klopperei einige sehr gut getimte und überaus lustige Zeilen zum Film bei.

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Das wahre Ass im Ärmel der Guardians ist allerdings Bradley Coopers Rocket. Das waschbärartige Wesen stiehlt ohne Rücksicht auf Verluste sämtliche Szenen und hat ein Charisma, das auf dem Level des Blockbuster-Kinos nur wenigen menschlichen Charakteren vorbehalten ist. Denkt man an das konkurrierende Franchise von DC Comics ist es schon fast tragisch, dass ein CGI-Waschbär über eine stärkere Leinwandpräsenz verfügt als Henry Cavills Superman. Was die Fünf Guardians aber endgültig zum besten Leindwand-Gespann der letzten Jahre macht sind nicht der allgegenwärtige Humor oder die knackigen One-Liner, sondern die Tatsache, dass James Gunn zwischen den flotten Dialogen immer wieder Zeit für kleine aber feine Charakter-Momente findet, die seinen Figuren ein ideales Maß an Tiefe bringen und sie perfekt abrunden.

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Natürlich vernachlässigt „Guardians of the Galaxy“ trotz des Augenmerks auf die unkonventionellen Charaktere nicht die Pflicht, auch die Sinne seiner Zuschauer zu attackieren. Stilistisch gesehen ist der Film einer der Auffälligsten und Originellsten der letzten Jahre. James Gunn unterlegt seine fantastischen und fremden Welten mit heimischen Tönen aus Star-Lords Walkman, ein Stilmittel, das neben großem komödiantischen Potential auch eine angemessene akustische Erdung für das visuelle Feuerwerk bildet. Die wirkliche Innovation der Weltraum-Comic-Oper kommt allerdings nicht von außerirdischen Kulissen oder sprechenden Nagetieren, sondern durch die Art und Weise, wie ihre Charaktere geschrieben sind. Anders als die bisherigen Akteure der Marvel-Filme sind die fünf Guardians keine makellosen Helden, die über sämtliche Zweifel erhaben sind. Es sind allesamt kriminelle Egozentriker, die in einer moralischen Grauzone handeln und von einem Restfunken Verantwortungsbewusstsein schließlich in die Heldenrolle berufen werden. Inszeniert wird das Ganze von James Gunn mit einer verspielten Respektlosigkeit, die sämtliche Klischees nicht nur auslässt, sondern sich aus voller Überzeugung über sie lustig macht.

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Die Opfer der Geschichte, die sich in zwei Stunden fast ausschließlich auf die Formierung der fünf Antihelden konzentriert, sind wie so oft die Gegenspieler. Obwohl Lee Paces Ronan und Karen Gillans Nebula über eine bedrohliche Präsenz und ein ansprechendes Design verfügen, werden ihre Motivationen nur oberflächlich behandelt und sie gliedern sich in die Reihe der Schurken ein, die schnell in die Vergesslichkeit abrutschen. Im Gegensatz zu den Beispielen aus „Thor 2“ und „Iron Man 2“ wird dieser Makel in „Guardians of the Galaxy“ allerdings nicht zum Stolperstein, da es sich hier nicht um eine klassische „Gut vs. Böse“-Story handelt.

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Alles in allem ist „Guardians of the Galaxy“ der lang ersehnte nächste Schritt fürs Sommerkino. Marvel ging mit der Expansion ihres filmischen Universums ein großes Risiko ein und hat einen Film produziert, der seinen nächsten Verwandten aus vollem Bauch ins Gesicht lacht, sämtliche Konventionen auf den Kopf stellt und sich zu keiner Zeit ernst nimmt. Es ist ohne Zweifel der unterhaltsamste, innovativste und lustigste Blockbuster, den wir seit vielen vielen Jahren gesehen haben. Bleibt nur zu hoffen, dass es an den Kinokassen entsprechend klingelt und sich der Film als genau so effektiv wie genießbar herausstellt.

9/10


 

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Guardians of the Galaxy

Action, Adventure, Sci-Fi

Regie: James Gunn

Buch: James Gunn, Nicole Perlman, Dan Abnett (Comic-Vorlage), Andy Lanning (Comic-Vorlage)

Darsteller: Chris Pratt, Vin Diesel, Bradley Cooper, Zoe Saldana, Dave Bautista, Lee Pace, Michael Rooker, Karen Gillan, John C. Reilly, Glenn Close, Benicio Del Toro

Kinostart DE: 28.08.2014

Kinostart US: 01.08.2014

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Timo Löhndorf