The Voices

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Als Fan vom verspielten, facettenreichen und unvergleichlichen Stil der iranisch-französischen Regisseurin Marjane Satrapi freue ich mich bereits auf „The Voices“, seit ich die ersten positiven Reaktionen auf die Weltpremiere im vergangenen Januar gelesen habe. In ihrem jüngsten Film, der in den Berliner Babelsberg-Studios gedreht wurde, betritt die Filmemacherin neues Terrain. Erstmals arbeitet sie mit internationalen Stars wie Ryan Reynolds, Anna Kendrick und Jacki Weaver zusammen. Doch trotz der großen Namen an Bord des Projektes ist „The Voices“ keineswegs ein konventioneller Film und offenbart hinter dem bunten Exterieur einen Sumpf aus Schmerz, Trauma und Geisteskrankheit.

Satrapi fängt die Geschichte des unbescholtenen und treudoofen Fabrikarbeiters Jerry (Ryan Reynolds) ein, der auf den ersten Blick nichts Schlimmeres vermuten lässt. Mit einer übertriebenen Glückseligkeit stolpert er durch den Alltag, erledigt gewissenhaft seinen Job und verschießt sich in die überaus attraktive britische Kollegin Fiona (Gemma Arterton). Nach Feierabend kehrt er heim und verbringt seine Zeit mit Hund Bosco und Katze Mr. Whiskers, mit denen er angeregte Gespräche führt. Anders als bei der normalen Bevölkerung unterhalten sich seine Tierchen allerdings auch mit ihm. Und was sie zu sagen haben ist nicht immer erfreulich. Nach einer Verkettung unglücklicher Ereignisse betritt plötzlich eine Leiche die Bühne und Jerrys Situation verschlechtert sich deutlich.

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Die Idee der fremden Stimmen, die selbstverständlich als Spiegel für Jerrys gestörte Psyche dienen, ist freilich nicht das frischeste Konzept. Wie Marjane Satrapi sich dieses inszenatorische Werkzeug zu Nutzen macht, ist dafür umso origineller. „The Voices“ tänzelt auf einem schmalen Grat zwischen Komödie und Drama und verliert zu keiner Zeit die Balance. Dies ist vor allem der unglaublichen starken Leistung von Ryan Reynolds geschuldet, der nicht nur die verschiedenen Facetten seines komplizierten Charakters meistert, sondern auch mit einem Wimpernschlag zwischen ihnen hin und her springt. Ähnlich flexibel zeigt sich der Stil des Films, der durch abrupte Wechsel in Szenenbild und Stimmung stets unberechenbar bleibt.

Reynolds, der mit einigen irrelevanten Rom-Coms und hochgradig egalen Comic-Verfilmungen einen eher durchwachsenes Repertoire aufweist, läuft hier auf Hochtouren und beweist wie schon in „Buried“ ein perfektes Timing, sowohl in Komik als auch in Tragik. Zusätzlich zu seiner Darstellung des gequälten Jerry übernimmt er außerdem die Vertonung seiner beiden Haustiere, die ebenfalls sämtliche Noten trifft. Seine Interpretation des missmutigen und zynischen Katers Mr. Whiskers entspricht zu 100% dem, was unsere Katzen höchstwahrscheinlich über uns denken und ist zudem urkomisch. Es ist zu hoffen, dass Reynolds auch in der zukünftigen Wahl seiner Rollen einen ähnlichen Mut beweist.

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Was den Film wirklich großartig macht ist aber nicht die Gratwanderung zwischen komödiantischen und tragischen Tönen. Hinter der dynamischen Geschichte steht ein authentisches und beängstigendes Porträt eines schwer gestörten Menschen. Jerrys Krankheit und vor allem sein Kampf gegen diese entwickeln sich zum ganz und gar unlustigen Kernpunkt des Films und werden trotz der quirligen Bilder stets mit einer einfühlsamen Ernsthaftigkeit behandelt. Marjane Satrapi gelingt nicht nur die Mischung vieler konträrer Aspekte, dank Ryan Reynolds‘ erstklassigem Schauspiel schafft sie eine geradezu perfekte Tragikomödie, bei der das Lachen sprichwörtlich im Hals stecken bleibt.

Mit ihrer gewohnten visuellen Kompetenz stellt die Filmemacherin in ihrem vierten Langfilm einen wahrhaftig faszinierenden Blick in einen kranken Geist auf die Beine und inszeniert ein denkbar schwieriges Drehbuch punktgenau. „The Voices“ vereint Tragik und Komik wie kaum ein anderer Film der letzten Jahre und Ryan Reynolds setzt einen neuen Maßstab für die Figur des charismatischen Psychopathen.

9/10


 

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The Voices

Komödie, Krimi, Drama

Regie: Marjane Satrapi

Buch: Michael R. Perry

Darsteller: Ryan Reynolds, Anna Kendrick, Gemma Arterton, Jacki Weaver

Kinostart DE: ??.??.???? (deutschlandweite Screenings im August/September auf dem Fantasy Filmfest)

Kinostart US: ??.??.????

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Timo Löhndorf