Pride

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Ich bin ja ein entschiedener Gegner des Begriffes „Feel-Good-Movie“. Nicht (nur) weil ich ein unverbesserlicher Zyniker bin, sondern weil der Begriff in meinen Augen für Filme steht, die ihre sentimentalen Geschichten nicht nur oberflächlich verpacken und stark simplifizieren, sondern sie oftmals auch mit scheußlichen Happy Ends versehen. Im Endeffekt ist das klassische Feel-Good-Movie somit nicht viel mehr als ein substanzloser und flacher Versuch, sich möglichst vielen Zuschauern anzubiedern. In nicht wenigen Texten zum britischen Pride wird mit dem Begriff um sich geschlagen. Entsprechend nah liegt die Vermutung, dass es sich beim diesjährigen Eröffnungsfilm des Hamburger Filmfestivals um ein weiteres Werk handelt, dessen einziger Zweck es ist, die emotionalen Knöpfe des Zuschauers zu drücken. Allerdings ist dies nur die halbe Wahrheit.

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© Senator

Es ist Sommer im Jahre 1984 und die Luft in Grossbritannien ist zunehmend dick. Die Regierung um Premierministerin Margaret Thatcher nimmt eine Auszeit von der Unterdrückung und Verfolgung der homosexuellen Bevölkerung und wendet sich stattdessen der streikenden Bergarbeiter-Union zu. In einem Akt der Solidarität entschließt sich die LGBT-Gruppe um Anführer und Aktivist Mark (Ben Schnetzer) dazu, den Kumpeln eines walisischen Dorfes moralische und finanzielle Unterstützung anzubieten. Diese Hilfe ist zunächst nur bedingt willkommen, denn sobald die schrille Regenbogen-Fraktion sich im quietschbunten Van auf den Weg nach Wales macht, prallen Welten aufeinander. Plötzlich sind es nicht mehr die systematische Gängelung und eiserne Hand der Staatsmacht, sondern vielmehr die Vorurteile beider Gruppierungen, die sich in den Vordergrund drängen und den Zündstoff des Films liefern.

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© Senator

Mit Pride macht der Regisseur Matthew Warchus 15 Jahre nach „Simpatico“ erst seinen zweiten Ausflug ins Spielfilm-Format. Zuvor machte er sich einen Namen als Theater-Regisseur und inszenierte in London und New York Stücke wie Yasmina Rezas „Art“, ein „Herr der Ringe“-Musical sowie den gelegentlichen Shakespeare. Die DNA einer Bühnenpräsentation sieht man seinem zweiten Film deutlich an. Er konstruiert Pride als ein Ensemble-Stück, in dem er sich nicht bloß mit den Mühen eines einzelnen Protagonisten beschäftigt, sondern stattdessen einen sozialen Querschnitt durch die britische Nation inmitten der 1980er wagt. Zu Grunde liegt ihm ein (Debüt!)Drehbuch von Stephen Beresford, das kaum einen Aspekt seines Konfliktes unbeleuchtet lässt.

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Die zwei Stunden, die Warchus zur Verfügung hat, füllt er bis an den Rand mit einer unglaublichen Menge an Charakteren und Subplots, die Pride nicht nur zu einem Abbild der politischen und sozialen Situation im England der 80er, sondern zu einem zeitlosen Mosaik über die sexuellen und sozialen Differenzen zwischen Menschen und ihren Umgang damit machen. Der junge Homosexuelle, der sich vor einem Coming-Out fürchtet, der Vollblut-Aktivist, der Kampf und Rebellion zu seinem Lebenszweck macht, die Überwindung von homophoben Vorurteilen und natürlich die gesundheitlichen und psychologischen Konsequenzen von sexuell übertragenen Krankheiten. All das und noch viel mehr hat in Pride seinen Platz und fügt sich zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

Ganz ohne den gelegentlichen Holzhammer kommt der Film leider nicht aus. Wenn der schwule Schauspieler und Exzentriker Jonathan (Dominic West) im Gemeindehaus des Bergbauerdorfes das Tanzbein schwingt und damit Frauen wie Männer verzückt, macht der Film sich den Brückenbau zwischen seinen beiden Fraktionen etwas zu einfach. Schließlich ist sämtliche Homophobie sofort vergessen, sobald man von einem Schwulen die besten Tricks lernen kann, um Frauen ins Bett zu kriegen.

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Obwohl das ultimative Ziel von Pride totale Harmonie und Frieden sind, handelt es sich nicht um ein Feel-Good-Movie, wie ich es anfangs definiert habe. Dafür ist die Absicht des Films zu nobel und seine Figuren zu komplex. Warchus setzt nicht auf durchsichtige Tricks und billige Sentimentalität, sondern auf eine sorgfältige und sensible Darstellung der Konflikte und Probleme, denen sich die LGBT-Bevölkerung stellen muss.

Zwar mag man 30 Jahre nach den Begebenheiten den Kinosaal zunächst mit einer wohligen Beschwingtheit verlassen, doch spätestens wenn man sich vor Augen führt, dass der Kampf der LGBTs in der Zwischenzeit eher härter als leichter wurde, wird deutlich, wie relevant und notwendig ein Film wie Pride auch in unserer modernen und aufgeklärten Welt noch ist.

8,5/10


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© Senator

Pride

Komödie, Drama

Regie: Matthew Warchus

Buch: Stephen Beresford

Darsteller: Ben Schnetzer, George MacKay, Dominic West, Paddy Considine, Imelda Staunton, Bill Nighy

Kinostart DE: 30.10.2014

Kinostart US: 26.09.2014

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Timo Löhndorf