Whiplash

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Das Leben von Andrew Neyman (Miles Teller) macht nach außen hin nicht besonders viel her. Seine Mutter hat ihn im jungen Alter verlassen, seitdem lebt er mit seinem alleinerziehenden Vater. Besonders populär ist er auch nicht, weder in seiner eigenen Familie noch im schulischen Umfeld. Trotzdem hat der 19-jährige eine Ambition, die in jeder Minute seines Lebens in ihm brennt. Er möchte der nächste große Jazz-Drummer werden. Um diesen Traum zu verfolgen verbringt er Tage und Nächte im Proberaum seiner Musikschule. Ein Zwischenziel erreicht er, als der berühmte und berüchtigte Lehrer Terence Fletcher (J.K. Simmons) ihn als Zweitbesetzung an die Kessel seiner Jazzband setzt. Unter der knochenharten und tyrannischen Lehre des disziplinierten Mentors wird Andrew zu neuen Höhen angetrieben und gleichzeitig an die Grenzen von körperlicher und mentaler Gesundheit geführt.

Wenn man sich todmüde in den fünften Film des Tages setzt, dessen Vorführung zudem mit einer halben Stunde Verspätung beginnt, ist es eine große Herausforderung, über 106 Minuten wach und zurechnungsfähig genug zu bleiben, um das Gesehene angemessen aufzunehmen. In diesem Fall wäre es allerdings schwieriger gewesen, dem Geschehen auf der Leinwand nicht zu folgen. Ähnlich wie das Schlagzeugspiel in der Jazzmusik verfügt Whiplash über einen präzisen und leidenschaftlichen Rhythmus, den Regisseur Damien Chazelle seinem zweiten Spielfilm bereits vor Erscheinen des ersten Bildes einflößt. Der ganze Film ist eine beinahe perfekte, stetig eskalierende Komposition aus Schnitten und Dialogen, die von der ersten Minute an fesselt.

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Hier zerstört Fletcher (J. K. Simmons) die Existenz seiner Trompete.
© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Kernstück ist selbstverständlich die Beziehung zwischen dem Mentor und seinem Lehrling. Miles Teller verkörpert einen physiologischen Grenzgang seiner Figur mit all den psychologischen Konsequenzen, die er mit sich bringt. Das Blut, das nicht selten seine Sticks und Trommeln ziert, ist noch das harmloseste Merkmal der verbitterten Ambition des jungen Mannes. Mit den brutalen Lektionen seines Lehrers betritt er einen Weg, der ihn schon bald zu den wohl fundamentalsten Fragen des Lebens führt. Die wahre schauspielerische Entdeckung von Whiplash ist allerdings nicht Miles Teller, der bereits mit „The Spectacular Now“ auf dem Radar der vielversprechendsten jungen Schauspieler gelandet ist. Es ist J.K. Simmons, der bislang in Filmen wie „Juno“ oder der ersten „Spider-Man“-Reihe hauptsächlich an die zweite Geige verdammt wurde und seine Kollegen entlasten musste. Hier ist er das genaue Gegenteil, eine personifizierte Belastung. Sein Terence Fletcher ist eine Inkarnation aus bedingungs- und gnadenloser Autorität, der mit seinen Eskapaden im Proberaum nicht selten Assoziationen an den unvergesslichen Gunnery Sergeant Hartman aus „Full Metal Jacket“ inspiriert. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine intensive Dynamik, die zunächst mit kleineren Psycho-Spielchen beginnt und schon bald zu einem ausgewachsenen psychologischen Krieg gedeiht.

Die beiden Hauptdarsteller bieten eine selten gesehene Chemie auf. © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Die beiden Hauptdarsteller bieten eine selten gesehene Chemie auf.
© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Whiplash ist weitaus mehr als eine bloße schwarz/weiße Moral-Floskel über einen Mann, der an einer Kreuzung zwischen Berufung und Beziehung steht. Es ist eine Geschichte über die Grenzen einer unstillbaren Ambition und den hohen Preis, den Unsterblichkeit in einer mediokren Welt verlangt. Geschrieben, gespielt und umgesetzt ist sie mit einem Talent, das ihrem Hauptcharakter ebenbürtig ist. Gekrönt wird das psychologische Tauziehen zudem von einer der besten Finalsequenzen, die man in den letzten Jahren auf einer Leinwand erleben durfte.

9/10


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© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Whiplash

Drama, Musik

Regie: Damien Chazelle

Buch: Damien Chazelle

Darsteller: Miles Teller, J. K. Simmons, Melissa Benoist

Kinostart DE: 19.02.2015

Kinostart US: 10.10.2014

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Timo Löhndorf