The Overnight

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In „The Overnight“ lässt Regisseur Patrick Brice amerikanische Verklemmtheit auf europäische Freizügigkeit treffen. Der Indie-Film, in dem zwei Paare sich auf eine Nacht voller Überraschungen einlassen, spielt geschickt mit den Erwartungen seines Publikums, bleibt aber von typischen Krankheiten der amerikanischen Indie-Szene nicht verschont.

Eröffnet wird „The Overnight“ von einer typischen Sexszene, wie man sie in einer amerikanischen Inszenierung erwartet. Emily (Taylor Schilling) liegt unten, selbstverständlich komplett angezogen und zugeknöpft. Alex (Adam Scott) geht zu Werke und speit dabei Profanitäten, die die Stimmung zu vernichten drohen. Als sich der Akt dem Höhepunkt nähert, lassen die Liebenden voneinander ab und versuchen das Rennen mit Masturbation zu beenden. Leider verlieren sie, denn plötzlich steht der gemeinsame Sohn im Raum und möchte gefüttert werden.

Die junge Familie, die erst kürzlich ins sonnige Kalifornien gezogen ist, beklagt ihre soziale Situation und die Tatsache, dass nie noch keinen Anschluss an ihre neuen Nachbarn gefunden hat. In einem Zufall, der nicht ganz zufällig scheint, treffen sie auf Kurt (Jason Schwartzman), einen exzentrischen, leicht abseitigen aber dennoch freundlichen Zeitgenossen. Wenig später finden sie sich in dessen bemerkenswertem Anwesen wieder, um mit Kurt und seiner Frau Charlotte (Judith Godrèche) einen Abend voller Wein, Pizza und hoffentlich neuer Freundschaft zu genießen. Auf Alex und Emily wartet jedoch mehr als nur ein entspannter Abend und spätestens, als das Quartett sich einen Film ansieht, in dem Charlotte gemolken wird, wird dem Paar klar, dass bei ihren Gastgebern seltsame Dinge vor sich gehen.

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Jedoch erst, nachdem die Kinder ins Bett gebracht wurden

In Retrospektive wirkt die zahme Sexszene, die „The Overnight“ einleitet, beinahe wie eine Verurteilung eben dieser konservativen Einstellung zum körperlichen Vergnügen. Regisseur Patrick Brice ist sich der ominösen Wirkung klar, die von Kurt und Charlotte ausgeht, und nutzt sie, um sein Publikum in konstanter, leicht verängstigter Erwartung zu lassen. An einem wichtigen Wendepunkt des Films betreten zwei offensichtlich aus Gummi gefertigte künstliche Penisse die Leinwand. Diese beiden lächerlichen Requisiten funktionieren gleichwohl als sehr amüsante Auflockerung des Geschehens und als Verdeutlichung der entgegengesetzten Lebensweisen der beiden Paare. Mit der Auflösung des Films, die tatsächlich eine Überraschung bietet, unternimmt Patrick Brice einen sehr löblichen Versuch, die verklemmten Ansichten der US-Amerikaner auf den Prüfstand zu stellen.

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Noch sind die Klamotten am Körper

Die Mühe, die der Film in ein passables Drehbuch und seine gut aufgelegten Darsteller investiert, fehlt leider im visuellen Bereich des Films. Wie viele andere amerikanische Indies („Life After Beth“ als Beispiel) wirkt „The Overnight“, als ob Bildgestaltung und Kameraarbeit von einem Praktikanten übernommen wurden. So kommt die skurrile Welt des freigeistigen Paares nicht zur vollen Entfaltung und der Film wirkt trotz seiner kurzen Laufzeit von 80 Minuten vor allem in der zweiten Hälfte zu lang.

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Das pure Entsetzen

Die fantasielose Inszenierung schränkt den Film zwar merklich ein, nicht jedoch seine Botschaft. „The Overnight“ ist eine amüsante Darstellung der engstirnigen Definition von Sex, die in der westlichen Zivilisation vielerorts dominiert und als solches ist er eine Empfehlung wert.

6,5/10


The Overnight (2015)

Komödie, versuchte Sozialkritik, Beziehungsdrama

Regie: Patrick Brice

Buch: Patrick Brice

Darsteller: Jason Schwartzman, Taylor Schilling, Adam Scott, Judith Godrèche

Kinostart DE: –

Kinostart US: 19.06.2015

Heimkinostart DE: –

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Timo Löhndorf