Louder than Bombs

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Frisch von seiner Weltpremiere in Cannes erreicht „Louder than Bombs“, das neue Stück von Joachim Trier, die Münchner Leinwände. Mit einem ungewohnt internationalen Cast behandelt der Norweger die Geschichte einer zerrütteten Familie, die sich Jahre nach dem Tod der Mutter erneut miteinander befassen muss.

Nach Tausenden von Filmen in zwei Jahrzehnten gibt es eine Handvoll Momente, die man auch als vielbeschäftigter Cineast nicht vergisst. Es war im September 2007, direkt zu Beginn meines Studiums, als ein Dozent uns den Dokumentarfilm „War Photographer“ zeigte. Der Film begleitet die Karriere und Persönlichkeit des Fotografen James Nachtwey durch einige der schlimmsten Krisen des 20. Jahrhunderts. Unvergesslich wird der Film durch das Porträt des Menschen und vor allem des Zolls, den er ob seines Berufes zahlen muss. Fotografen wie Nachtwey bewegen sich in einem permanenten Dilemma. Eine moralische Mission, die sie zu ihrer heiklen Beschäftigung führt, gepaart mit dem Verantwortungsbewusstsein, das man im Angesicht verhungernder Kinder und Massengräber abwägen muss.

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Versuchter Alltag

Genau dieses Zerwürfnis steht im Kern von Joachim Triers „Louder than Bombs“. Isabelle Reed, eine gefeierte Fotografin, die zu den besten ihrer Art zählt, kam vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Doch die Schwermut, die sie zu Lebenszeit mit sich trug, ist in jedem Bild des Films präsent. Im distanzierten Sohn Conrad (Devin Druid), der mit der Pubertät zu kämpfen hat. Im Vater Gene (Gabriel Byrne), der den Anschluss an seine Familie verliert. Im älteren Sohn Jonah (Jesse Eisenberg), der die Last in seine neu entstandene Familie trägt. Vor allem aber in den Augen von Isabelle (Isabelle Huppert), die immer wieder in Flashbacks auftaucht und das Leid der Welt auf ihren Schultern zu tragen scheint.

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Das subtile Lächeln täuscht

Im Gegensatz zu Triers „Oslo, 31. August“, ist „Louder than Bombs“ unlinear aufgebaut, als Fluss aus Erinnerungen, inneren Monologen und Debatten um Isabelles emotionalen und beruflichen Nachlass. Die Melancholie, die bereits den Vorgänger getrieben hat, beherrscht auch diesen Film mit einer eisernen Hand. In diesem, nach eigener Aussage sehr persönlichen Film weitet Trier das Schicksal eines einsamen Drogensüchtigen, das er im Vorgänger thematisierte, auf das Drama innerhalb einer ganzen Familie aus. So bleibt seine schwermütige und hoffnungsvolle Stimme erhalten und klingt auch durch eine fragmentierte, „amerikanisierte“ Abwandlung seines bekannten Stils.

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Brüder unter sich

„Louder than Bombs“ ist eine unaufgeregte, sensible Abhandlung einer leidenden Familie, die ihren Weg verloren hat. Aufbereitet mit einer typischen skandinavischen Ernsthaftigkeit und einem feinen Gespür für seine Charaktere zeigt Joachim Trier uns, dass das Echo der Bomben zumeist lauter ist, als die Bomben selbst.

8,5/10


Louder than Bombs (2015)

(Familien)Drama

Regie: Joachim Trier

Buch: Joachim Trier, Eskil Vogt

Darsteller: Gabriel Byrne, Isabelle Huppert, Jesse Eisenberg, Devin Druid, Amy Ryan

Kinostart DE: 07.01.2016

Kinostart US: –

Heimkinostart DE: –

Die Rechte an allen verwendeten Grafiken in diesem Artikel liegen bei MFA+ Filmdistribution

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Timo Löhndorf