Es ist schwer, ein Gott zu sein (Trudno byt bogom)

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Film mag die großartigste Form der Kunst sein, sie bringt allerdings auch die verheerendsten Zerreißproben mit sich. Die Liste an Greueln, durch die Regisseure ihr Publikum im letzten Jahrhundert geschickt haben, ist lang. Und Aleksey Germans „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ („Trudno byt bogom“) lässt kaum etwas davon aus. Eine exzessive Lauflänge von fast drei Stunden. Sets und Kulissen, die sich mit einem fast überwältigenden Ekelgefühl ins Bewusstsein des Zuschauers drücken. Ein Plot, dem man trotz des großzügigen Zeitbudgets kaum folgen kann. Alles in allem also eine aufregende Herausforderung für selbst den skrupellosesten Cineasten.

Das Mittelalter lebt, atmet und stinkt

Die Prämisse, die Aleksey German der Romanvorlage des russischen Schriftsteller-Duos Arkadiy und Boris Strugatskiy entnommen hat, ist simpel und verlockend genug. Es gibt einen fernen Planeten, der in Flora und Fauna kaum von der Erde zu unterscheiden ist. Allerdings hinkt sich die dortige Zivilisation etwa 800 Jahre zurück. In diese Welt, in der eine medizinische, soziale und vor allem künstlerische Renaissance, auf sich warten lässt, wird eine Gruppe von Wissenschaftlern entsandt. Ihre Aufgabe ist die Observation der lokalen Geflogenheiten in bester wissenschaftlicher Manier. Unter keinen Umständen dürfen sie in das Schicksal der Außerirdischen eingreifen, weder mit Wort noch mit Schwert.

Die vergleichsweise hoch entwickelten Besucher vom Planeten Erde haben verständlicherweise Probleme, sich in die fast barbarische Zivilisation einzugliedern. Sie werden als Gottheiten verehrt, respektiert und stellenweise sogar gefürchtet. So beginnt die dreistündige Auseinandersetzung, die einen Haufen moderner Männer mit einer bekannten und doch auf eine Art fremden Welt konfrontiert. Im Mittelpunkt steht Don Rumata (Leonid Yarmolnik), ein störrischer, ungemütlicher Zeitgenosse, dessen Einstellung zu seinen Mitmenschen nicht all zu weit von dem einer wahrhaften Gottheit entfernt zu sein scheint. So kämpft er mit sich selbst, seiner feindseligen Umgebung und nicht zuletzt mit den strengen Auflagen, die seine Exkursion mit sich bringt. Obwohl „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ sein Publikum länger als abendfüllend beschäftigt, ist es ausgesprochen kompliziert, weitere Details des Plots zu erkennen und ihm zu folgen.

Während die Geschehnisse auf der Leinwand, die sich trotz Untertiteln nur schwer erschließen, den Zuschauer oft zur Frustration treiben, ist das Werk von Aleksey German, der vor dessen Fertigstellung verstarb, ein seltsam magnetisches Stück, das den hartnäckigen und geduldigen Filmfreund mit einem Filmerlebnis belohnt, das an Außergewöhnlichkeit nur schwer zu überbieten ist. Die Ausstattung des Films, gepaart mit seiner schwindelerregenden Kameraarbeit, spielt sich auf einem sehr hohen Niveau ab. Selten wurde eine Vision des Mittelalters auf eine derart rohe, ungemütliche und akkurate Art und Weise dargestellt. German beschwört eine Welt aus Schmutz, Dreck, Blut und Fäkalien, in der ein mittelalterlicher Alltag eine grausame, authentische Form annimmt. „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ übersteigt die Grenzen eines audiovisuellen Erlebnisses und wird stellenweise zu einem Film, den man nicht nur sehen und hören, sondern auch riechen und fühlen kann. Zwar mag das Mittelalter eine Epoche sein, die man nicht unbedingt riechen möchte, dies schmälert die Wucht von Germans Errungenschaft jedoch keineswegs.

Die Story des Films, die sich nach einer Recherche im Internet als Gewissenskonflikt des Hauptcharakters entpuppt, geht im Rausch der eindrucksvollen Bilder und Töne leider zum großen Teil verloren. Ohne den „Schwierigkeitsgrad“, der hier klar zu hoch angesetzt wurde, hätte Germans letztes Werk sich ohne Zweifel einen Platz im Olymp der düsteren Sci-Fi-Variationen gesichert. So bleibt es ein ungemein sperriger, komplizierter, auf technischer Ebene exzellenter Film, der selbst für erprobte Cineasten eine große Herausforderung darstellt. Allerdings handelt es sich in diesem Fall um eine Ausnahme-Herausforderung, der sich jeder Liebhaber und Student des Films mit entsprechender Vor- und Nachbereitung stellen sollte.

7/10


Trudno byt bogom (2013)

Es ist schwer, ein Gott zu sein

Science Fiction, Drama, Mittelalter

Regie: Aleksey German

Buch: Arkadiy Strugatskiy, Boris Strugatskiy (Vorlage), Aleksey German, Svetlana Karmalita (Adaption)

Darsteller: Leonid Yarmolnik, Aleksandr Chutko, Evgeniy Gerchakov, Valentin Golubenko, Ramis Ibragimov

Kinostart DE: 03.09.2015

Kinostart US: –

Heimkinostart DE: –

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Timo Löhndorf