A Perfect Day

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Vielleicht gehe ich in die falschen Filme, aber ich habe schon lange keinen guten Auftritt von Herrn Tim Robbins gesehen. Das ist jetzt vorbei, denn in „A Perfect Day“ ist er ein wichtiger Baustein eines starken Ensembles, zu dem außerdem Benicio del Toro, Olga Kurylenko und Mélanie Thierry gehören. Der Film des Spaniers Fernando León de Aranoa balanciert auf einem extrem dünnen Seil und liefert eine Charakterstudie vor der Kulisse des wohl grausamsten Konflikts der 90er.

Zwischen Blut und Trümmern

Von einem perfekten Tag kann man hier wohl nur träumen. Mit einer absichtlich vagen Texteinblendung zu Beginn des Films ist klar, wo wir uns befinden. „Irgendwo im Balkan“ im Jahre 1995. Der blutige Krieg im Balkan ist in den letzten Zügen und der Staub legt sich über einer zerstörten, erschütterten Region. Unermüdlich geht eine Gruppe freiwilliger Helfer noch immer ihrer humanitären Aufgabe nach. Gebildet wird die bunte Gruppe aus den beiden krisenerprobten alten Hasen Mambrú (Benicio del Toro) und B (Tim Robbins), dem ambitionierten, unbefleckten Frischling Sophie (Mélanie Thierry) und Katya (Olga Kurylenko), die ihre Einschätzung zur Effizienz der Hilfsmission abgeben soll. Begleitet werden sie von zwei Einheimischen, dem Dolmetscher Damir (Fedja Stukan) und dem desorientierten Jungen Nikola (Eldar Residovic).

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In einem der wenigen Brunnen, die die Bevölkerung mit lebenswichtigem Wasser versorgen, gibt es ein schwerwiegendes Problem. Eine menschliche Leiche wurde darin entsorgt und droht, das Wasser permanent zu verseuchen. Die Aufgabe ist klar: Die Leiche muss entfernt und das Wasser gereinigt werden. Was sich wie ein einfaches Unterfangen anhört, ist in einem Land ohne nennenswerte Infrastruktur eine komplett andere Angelegenheit. Die Probleme beginnen mit der simplen Beschaffung eines Seils und enden mit den bürokratischen Schwierigkeiten, die von Seiten der UN beschert werden. An diesem Tag, der mit angemessenem Zynismus als „perfekter Tag“ bezeichnet wird, folgen wir der ungleichen Gruppe aus Helferlein und bekommen einen Einblick in ihren professionellen wie privaten Sorgenkatalog.

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Es ist kein Geheimnis, dass Kriege von einem derart gruseligen Ausmaß nur mit einer großen Portion Humor bewältigt werden können. So gibt es vor allem zwischen dem abgehärteten Duo Mambrú und B und ihrem französischen Neuzuwachs etliche Neckereien, die durchaus amüsant daherkommen. „A Perfect Day“ geht jedoch noch einen Schritt weiter, als eine Komödie vor unlustiger Kulisse aufzuziehen. Das Sextett aus Charakteren verkörpert die verschiedenen Stufen, die ein Mensch während eines aufreibenden Einsatzes durchmacht. Da wären die seelischen Leiden, die Mambrú und B wahlweise mit Schüssen aus Wahnsinn, Alkohol oder Frauenproblemen therapieren. Die schockierenden Erfahrungen, die Sophie erstmals machen muss. Die analytisch-bürokratische Position, die von Katya verkörpert wird. Und nicht zuletzt natürlich die missliche Lage der Einheimischen, die entweder durch ihre Mitwirkung an der Hilfsmission Probleme bekommen (Damir) oder deren Existenz vom Krieg ausgelöscht wurde (Nikola). Das Uhrwerk aus Figuren harmoniert ausgezeichnet und seine Zahnräder greifen ohne einen ungenutzten Moment perfekt ineinander.

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Den Schauspielern und vor allem dem Regisseur ist hoch anzurechnen, dass sie über die gesamte Laufzeit eine komplizierte Stimmung aufrecht erhalten können. Zwar begegnen sie ihrem feindlichen Umfeld mit einem sonnigen Gemüt und viel Humor, jedoch sind die Grausamkeiten des Krieges stets nicht weiter als einen Augenblick entfernt. Mehrmals gelingt es „A Perfect Day“, die lässige Stimmung im Handumdrehen extrem bedrohlich und spannend werden zu lassen. Zu den stilistisch merkwürdigeren Entscheidungen gehört lediglich das Einblenden von amerikanischer Popmusik wie Marilyn Mansons „Sweet Dreams“ oder Velvet Undergrounds „Venus in Furs“.

„A Perfect Day“ ist ein absolut rundes Paket aus tollen schauspielerischen Leistungen, stilsicherer und stellenweise sogar schöner Kinematographie und einer respekt- wie humorvollen Auseinandersetzung mit dem verheerenden Balkan-Konflikt.

9/10


A Perfect Day (2015)

Schwarze Komödie, Drama, Satire

Regie: Fernando León de Aranoa

Buch: Paula Farias (Buch), Fernando León de Aranoa, Diego Farias (Drehbuch)

Darsteller: Benicio del Toro, Tim Robbins, Olga Kurylenko, Mélanie Thierry, Fedja Stukan

Kinostart DE: 22.10.2015

Kinostart US:

Heimkinostart DE:

Die Rechte an allen verwendeten Grafiken in diesem Artikel liegen bei X Verleih

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Timo Löhndorf